André Weiß

* 1965

  • „Wir sollen alle wachsam bleiben. Wir sollen aus der Geschichte gelernt haben. Und nicht nur aus der Geschichte, sondern aus der Geschichte vorher auch. Weil ich schon den Eindruck habe, dass Teile der Geschichte, die noch vor unserer Geschichte lagen, vergessen werden. Oder aus Unwissenheit einfach nicht wahrgenommen werden. Deswegen ist politische Aufklärung und Dokumentation ganz wichtig von Zeitzeugen. Die Leute sollten begreifen, dass die Wiederholung der Geschichte ganz viel Leid mitbringen kann. Auch wenn man verschiedene andere Sachen machen könnte, oder das vielleicht ein bisschen optimierter darstellt, aber am Ende kann es in einer unausgewogenen Gesellschaftsordnung immer mehr Verlierer geben als Gewinner. Und das ist das, was wir uns auf jeden Fall bewahren müssen. Das heisst eine ausgewogene Mitte, sprich die Demokratie, ist landesweit und für die meisten Menschen in der Bevölkerung der bessere Weg. Auch wenn die Demokratie die schwierigste politische Form ist, die es gibt, weil es immer nur aus Kompromissen besteht. Weil niemand 100% sein Recht bekommen wird, sondern immer nur ein Teil des Rechts bekommt. Die Extremisten werden weniger Recht finden in der Demokratie, die Nichtextremisten finden mehr ihres Denkens in der Demokratie. Und die Demokratie bringt am wenigsten Leid mit sich. Auch wenn wir wissen, dass die Demokratie nicht nur aus Gold und Glanz besteht, sondern aus vielen Baustellen, die anzugehen sind. Aber die Demokratie ist dafür der beste Weg, um das immer wieder anzusprechen und zu einer Lösung zu führen.“

  • „Dann kam der Genscher raus, und alle jubelten: ‚Genscher, Genscher!‘ Es hiess dann: ‚Ich begrüsse euch alle, ich begrüsse die Hallenser.‘ Da wurden erstmal verschiedene verbindende Sätze gesagt. ‚Ich begrüsse alle Hallenser, ich begrüsse alle Flüchtlinge. Ich hoffe es geht ihnen gut und sie werden gut versorgt,‘ und so weiter und so fort. Und dann sagte er in dem Moment: ´Ich bin zu ihnen gekommen... um ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise...‘ Und das war es. Nochmal Schreien und Jubeln, in die Arme fallen, Euforie toben. ‚Möglich geworden ist...‘ Das habe ich noch verstanden. Im Fernsehen hat man das ja besser gehört. Und nachdem sich der Schrei nach ein paar Minuten gelegt hat, hat er gesagt: ‚Wir stellen sicher, dass sie sicher ausreisen können, ich muss ihnen aber mitteilen, dass wir mit der DDR vereinbart haben, dass ihre Ausreise über die DDR erfolgen muss.‘“

  • „Da hatten wir das Bett und da ist uns auch der Stein vom Herzen gefallen: Gott sei Dank, da haben wir ein Dach über den Kopf, jetzt haben wir ein Bett, jetzt sind wir hier erst mal gesichert. Man hat auch den ganzen Tag auch zu tun gehabt. Man hat gesehen, ich muss jetzt auf die Toilette, wo ist die Toilette? Da ist die Toilette. Was ist denn das? Eine Schlange! Wieso zehn Meter Schlange vor der Toilette, wenn ich mal dringen auf die Toilette muss? Na ist halt so. Es war alles in begrenztem Masse vorhanden. Das waren sanitäre Kontainer, da war Warmwasserbereitung mit drinnen, da konnte man inrgendwann auch mal warm duschen, wenn das Ding eine Stunde in Ruhe gestanden hat, aber no chance. Man hatte keine Chance warm zu duschen. Wenn man sich waschen wollte oder duschen wollte, dann konnte man immer so rechnen: für die Toilette eine Viertelstunde bie eine halbe Stunde, zum Duschen anstellen so zwei Stunden ungefähr, für das Essen ausfassen – da wurden Tische aufgestellt, wo das Essen ausgegeben wurde und so weiter und so fort - das dauerte auch wieder eine Stunde, man war den ganzen Tag mit Anstellen beschäftigt. Man musste sich Kleidung irgendwo besorgen, man hatte keine Wechselkleidung, nichts gehabt, das wurde alles ja vom Deutschen Roten Kreuz bereitgestellt in aller Eile, also wie gesagt grosse Dankbarkeit nochmal in die Richtung auch. Wir hatten ganzen Tag zu tun irgendwo Dinge über eine Schlange zu bekommen: Toilette, Essen, Kleidung, etc. Und wenn man das nicht gemacht hat, dann sind wir halt spazieren gegangen in dem Botschaftsgelände und haben überall diese Schlammwüste gesehen, diesen zertrampelten Garten, wir sind da durch den Schlamm teilweise gerutscht, haben Wiesenwege gemieden, weil man dort direkt ausgerutscht ist. Ich habe bis heute noch meine Schuhe, die ich damals angehabt hatte, die habe ich seit dem Zeitpunkt nicht mehr geputzt, und die habe ich im allen Ernst noch bei mir zu Hause. Ungeputzt die Schuhe in einer Tüte eingepackt, weil das ist eine bedeutende Zeit gewesen, vielleicht kurz danach habe ich das gar nicht gewusst, aber immer gern gehalten und je länger die Zeit danach vergangen ist, umso länger dachte ich mir: Die muss ich unbedingt aufheben, die Schuhe. Deswegen habe ich die bis heute noch. Diese Originalfluchtschuhe aus der Botschaft, die habe ich noch da.“

  • "Ich wusste aus dem Fernsehen, dass da keine Möglichkeit besteht, von vorne in die Botschaft reinzukommen, dass das unmöglich ist. Das Tor war ja auch verschlossen. Aber dass man hinten über den Zaun kommt. Ich hatte in Erinnerung, dass dieser Zaun eine Möglichkeit bietet, dort hinten darüber zu steigen, sodass wir erst einmal einen Weg suchen mussten. Wir sind dann an der Botschaft vorbei gelaufen, und ich habe an der linken Seite eine Gasse gesehen hinten Richtung Stadtwald, also Stadtpark. Da dachte ich, wenn wir jetzt hier herumlaufen, dann wird es wieder nach links zurück zur Botschaft gehen, auf der Hinterseite. Und so war es dann auch. Sobald wir um die Ecke kamen und ich diesen Weg, der da um die Botschaft führte, nach links gekuckt haben, habe ich schon gesehen, wie die Leute gewunken haben hinter dem Zaun, ganz hektisch. Als ich diesen Zaun gesehen habe, da habe ich meine Frau geschnappt und dann sind wir gerannt, so sehr gerannt, dass sich der Schirm im Gegenwind regelrecht gebogen hatte, weil wir Angst hatten, dass wir von hinten weggefangen werden durch die Polizisten. Das kann ja sein, dass dort irgendjemand lauert. Aber Gott sei Dank sind wir schnell zu dem Zaun gekommen und wurden sofort instruiert, was wir zu machen hatten, von den Leuten. Die haben gesagt: Schmeiss die Tasche rüber, steig auf das Knie! Sofort wurden die Anweisungen gegeben, wir sind dann auf das Knie gestiegen der Mitflüchtlige, die schon da in der Botschaft drin waren, es waren mehrere Flüchtlinge, die haben ihre Knie durchgestreckt, dass wir das als Steighilfe nehmen konnten, dann haben wir oben den Zaun angefasst. Der Zaun sah übrigens damals ganz anders aus als heute. Damals waren wie Stäbe gerade, nicht gebogen, sodass das Übersteigen relativ einfach war mit so einer Hilfe. Das darf kein Zufall gewesen sein, aber es stand daneben auch eine Kabeltrommel. Das war für mich eine Steighilfe, die offensichtlich von der Öffentlichkeit so akzeptiert wurde. Wenn ihr wollt, dann geht halt, wohin ihr wollt.“

  • Full recordings
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    Praha, 29.09.2024

    (audio)
    duration: 01:24:19
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Die originalen Flüchtlingsschuhe aus der Botschaft habe ich immer noch zu Hause

André Weiss in 2024
André Weiss in 2024
photo: Post Bellum

André Weiss wurde am 28. April 1965 als Sohn eines Automechanikers in Dresden geboren. Nach und nach erkannte er die Nachteile des Lebens im sozialistischen System der DDR und dachte nach seiner Heirat über eine Flucht in die BRD nach. Er und seine Frau besprachen dies bereits auf einer Urlaubsreise nach Ungarn im Frühjahr 1989, aber die endgültige Entscheidung fiel am 22. September, als ihr Ausreiseantrag ohne Angabe von Gründen abgelehnt wurde. Spontan stiegen sie in ihren Trabant und fuhren in Richtung der tschechoslowakischen Grenze. Sie kehrten jedoch lieber um und flohen erst am 26. September. Sehr früh am Morgen waren sie bereits bei der Botschaft der BRD in Prag und überwanden mit Hilfe anderer Flüchtlinge erfolgreich den Zaun. Das Gefühl der Sicherheit war jedoch weiterhin von Ängsten und Unsicherheiten begleitet. Diese verschwanden vier Tage später nach der Rede von Hans-Dietrich Genscher, der ihnen die Nachricht von der sicheren Ausreise aller Flüchtlinge in die BRD überbrachte. Nach einer nächtlichen Zugfahrt kamen sie in Schwandorf an, wo sie bald Arbeit und Unterkunft fanden. Neben seiner Arbeit als Klempner studierte André Weiss im Westen auch Fernstudium, entschied sich aber schließlich gemeinsam mit seiner Frau für die Rückkehr. Seit 1994 lebt er also wieder in der Nähe von Dresden und erinnert sich dankbar an die Hilfe der Menschen in Westdeutschland. Ebenso dankbar ist er für die Möglichkeit, in einer Demokratie zu leben.