Gertrude Schreckeneder

* 1938

  • Ich kann nur sagen, dass mein Vater es nicht verkraftet hat, alles zu verlieren, weil er gewohnt war, alles zu haben, Jagden, Auto, es war alles da, und auch als Soldat, weil er Schirrmeister war und im eigenen Betrieb praktisch die deutschen Wehrmachtfahrzeuge gerichtet hat, ist es ihm ja relativ gut gegangen. Er hat jeden Abend etwas getrunken und hat dann zu schimpfen und zu wirbeln angefangen, denn er hat den Tod seiner Mutter nicht verkraftet. Die Mutti hatte es besser, die hat ja viel mitgemacht. Ich möchte gar nicht wissen, was die Frau da erlebt hat, nicht nur, dass die Russen schon mal in unserem Haus gewohnt haben. Ob da alles gut gegangen ist, dass weiß ich nicht, auf jeden Fall haben die Russen dort ein paar Wochen gewohnt, und meine Mutter war mit mir im Keller, aber trotzdem. Dann im Lager sind die Russen ja auch reingekommen, aber meine Mutter hat nie ein Wort darüber verloren, nichts. Sie hat immer gesagt, vergiss alles, bau dir neu auf, und war bis zum Ende eine zufriedene und liebevolle Mutti und Omi und hatte nie auf die Tschechen geschimpft. Also sie hatte auch keinen Hass oder so etwas, dass habe ich nie von meiner Mutter erlebt. Nein.

  • Wie wir da so gegangen sind, ist auf einmal ein Arbeiter gekommen, der bei uns auf dem Areal eine Dienstwohnung gehabt hat und dessen Kinder mit mir gespielt haben. Für mich war er der Tondo, und er hat dann versucht, unsere Familie zusammenzubringen. Er hatte also dann festgestellt, dass die Schwester vor meiner Mutter in der Nähe war, und auch die Oma, und er hat uns dann mit Absprache dieser anderen Männer, die da dabei waren, begleitet und ist eine lange Zeit neben uns gegangen und hat uns damit beschützt. Meiner Mutter hat er dann aber gesagt, er muss sich jetzt verabschieden, weil jetzt andere kommen. Die Mutti hat ihm dann ihre letzte Uhr, das was sie noch hatte, als Dankeschön gegeben. Und wir haben später erfahren, dass er in unsere Villa eingezogen ist, aber sonst kann ich mich an andere Leute nicht erinnern. Ich weiß eben nur, dass er ein Holzstück in der Hand gehabt hat, dass es ein sog. Ochsenprügel war, das habe ich erst später gehört, weil die Omi gesagt hat, sie ist mit dem geschlagen worden. Uns hat er natürlich nicht geschlagen, das ist ja klar. Der mütterlichen Oma, der hat man so auf die Hand gehauen, weil sie ihren Koffer nicht loslassen wollte, dass sie eigentlich ihr ganzes Leben die Hand ein bisschen beschädigt gehabt hat. Sie hat zwar dann noch trotzdem Handarbeiten machen können, aber die Hand war nicht mehr ganz in Ordnung, weil sie den Koffer nicht loslassen wollte, und er hat ihr dann mit dem Holzprügel auf die Hand draufgehauen. Aber sonst habe ich eigentlich keine Erinnerungen. Die Mutti hat geschaut, dass ich wahrscheinlich von allem so weit weg wie möglich bin, sie hat mich vor allem beschützt oder abgeschirmt, damit ich nichts mitkriege.

  • Und dann sind diese Russen in das Haus eingezogen, und die Mutter und die Tante Steffi mussten für diese Russen kochen, dadurch ist es uns relativ gut gegangen. Auch eine böse Erinnerung für mich und für meine Mutter: Ab und zu sind dann Russen runtergekommen, und ich habe natürlich sofort zu schreien angefangen, und natürlich wollten sie wahrscheinlich zu meiner Mutter, und der Major ist dann gekommen und fragte, warum er mich schreien hört. Die Mutti hat gesagt, ich fürchte mich vor den betrunkenen Soldaten. Er hat gesagt, dass er das verboten hat, und sich ins Bett gelegt und zugedeckt. Dann kam ein Russe runter, ich sehe es wie heute vor mir, der Major ist rausgesprungen, zwei Finger an die Nase, er hat ihn wie einen Tanzbären genommen und hat ihn – die ganzen russischen Leute waren dort aufgestellt – dann vor meiner Mutter erschossen. Meine Mutter hat ihn eingraben dürfen. Und dann hieß es, die Russen ziehen ab, er hat dann auf das Haus einen Zettel drangemacht, damit uns die Tschechen dort bleiben lassen. Das hat natürlich nichts genutzt.

  • Full recordings
  • 1

    Brno, 10.05.2020

    (audio)
    duration: 01:30:15
    media recorded in project Příběhy regionu - JMK REG ED
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Die Tschechen sind nicht schuld, nicht die heutigen

Gertrude Schreckeneder in 1943
Gertrude Schreckeneder in 1943
photo: Witness's archive

Gertrude Schreckeneder, geb. Procháska, wurde am 19. Juni 1938 in Brünn in eine deutsche Familie geboren. Obwohl sie in Brünn aufwuchs, lernte sie nie Tschechisch. Ihr Vater, Karl Procháska, wurde im Zweiten Weltkrieg zur Wehrmacht eingezogen. Als Kind erlebte sie die Luftangriffe auf Brünn. Die Familie musste damals sowjetische Soldaten beherbergen. Nach Kriegsende wurde sie zusammen mit ihrer Mutter Antonie Prochásková und anderen Deutschen aus Brünn vertrieben und durchlief nacheinander Lager in Pohořelice und Poysdorf. Der Brünner Todesmarsch und der Verlust ihrer Heimat prägten ihr ganzes Leben. Im Jahr 1946 wurde der Familienbesitz in Brünn enteignet. Einen Neuanfang fand sie in Wien, wo ihr Brünner Akzent anfangs ein Hindernis darstellte. Jeder Familienmitglied ging auf seine Weise mit der Vertreibung um. In den 1970er Jahren besuchte sie zusammen mit ihrer Mutter erneut Brünn. Im Jahr 2020 lebte sie in Wien.