Den Hungermarsch habe ich im Kinderwagen mitgemacht, mein Bruder hat Krnov später eine Madonnenstatue geschenkt
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Helga Rügamer, geborene Titze, kam am 5. April 1944 in Krnov zur Welt. Im Juni 1945 nahm sie als Einjährige im Kinderwagen am mehrtägigen Hungermarsch von Krnov teil, bei dem dreitausend deutsche Einwohner die Stadt auf einen Schlag verlassen mussten und etwa dreihundert von ihnen ums Leben kamen. Helga Rügamer hat keine eigenen Erinnerungen an dieses traurige Ereignis oder an den mehrtägigen Aufenthalt im Sammellager in Cvilín. Den Verlauf des Marsches kennt sie jedoch im Detail von ihrer Mutter und ihren sieben Geschwistern, die Dutzende Kilometer neben ihr hergelaufen sind. Der 120 Kilometer lange Marsch endete in Králíky, von dort wurden die Deutschen mit einem Güterzug in das Erzgebirge gebracht und zu Fuß über Cínovec vertrieben. Helgas Vater Rudolf Titze, ein Kürschner aus Krnov, durfte in Ostdeutschland kein Gewerbe betreiben. Mit Ausnahme der ältesten Schwester flohen alle Geschwister Titze in den Westen, Helga 1960 mit dem Fahrrad über Berlin. Seit 1964 kehrt Helga Rügamer gerne und regelmäßig in ihre Heimatstadt zurück; unter dem früheren Regime fanden dort Familientreffen statt. In den letzten Jahren nimmt sie an symbolischen Versöhnungsakten teil, so wie es auch ihr kürzlich verstorbener Bruder Walter Titze tat. Dieser ließ sogar für die Kirche in Krnov eine Kopie der dortigen Statue der Heiligen Maria anfertigen, die weltweit als „Madonna von Dachau“ bekannt ist.