Helga Rügamer

* 1944

  • „Das war unsere Heimat! Wir wollten sie einfach noch einmal erleben. Manche haben es noch nie gesehen gehabt, es gab dort auch schon Enkelkinder. Wir wollten es einfach zusammen erleben, Wandern gehen und so. Da stand auch noch unser Haus, Troppauer Str. 6, das steht jetzt nicht mehr. Aber damals war das noch gestanden und wir hatten die Leute angeschrieben ob wir uns mal das Haus anschauen dürften. Sie haben uns dann auch reingelassen. Der Mann hat sich nicht sehen lassen, der hat sich versteckt, aber die Frau hat uns reingelassen. Wir sind in Hof gegangen, in Hinterhaus. Wir haben uns alles angeschaut im Haus. Für die großen Geschwister, war das schon… Es hat schon wehgetan. Es waren noch unsere Teppiche auf der Treppe, die Geweihe waren auf der Wand, selbst im Schrank standen unsere Gläser noch. Unser böhmisches Kristall. Das tut schon weh, wenn man das sieht. Auf der anderen Seite – wir haben den Leuten keinen Vorwurf gemacht. Dadurch haben sie uns das nächste Mal wieder reingelassen. Sie haben das so gekauft mit allem Drum und Dran. Mit den Gläsern und allem. Gut, wenn sie gesagt hatten, suchen Sie sich etwas heraus, nehmen Sie sich etwas, wäre es schon gewesen. Aber auf die Idee kamen sie nicht.“

  • „Übernachtet haben wir dann in Scheunen bei Bauern. Aber die waren zum Teil schon voll, weil aus den anderen Lagern, das erfuhren wir erst nachhinein, aus einem anderen Lager sind da auch schon welche dort hingetrieben worden. Deswegen haben sich dann später Probleme ergeben, weil die eine sagen, wir sind so gelaufen, und die anderen, wir sind so gelaufen. Aber am Abend waren wir beide da. Sie kamen aus dem anderen Lager und wir aus dem Burgberglager. Die Nächte waren immer die Schlimmsten, wegen der Angst vor Vergewaltigungen. Die Edith hat manchmal so gezittert, dass der Erich sie festhalten musste. Wir hatten da auch etwas Glück und haben die Tante in dem Durcheinander gefunden. Die ist dann mit uns gegangen und von ihr haben wir erfahren, dass die Großmutter in dem Panzerlager ist, in dem anderen Lager. Und der Kurt war allein im Krankenhaus. Wir sind dann übers Altvatergebirge praktisch, übers Gabelkreuz, Mährisch Schönberg – mit den Namen habe ich ein Bisschen Probleme, mit der Reihenfolge. Bis nach Grulich. Und in Grulich haben sie uns in eine Fabrik eingesperrt, sonst haben sie sich um uns nicht gekümmert. Aber draußen ums Werkgelände haben sie mit angeschlagenen Gewehren patrolliert. “

  • „Wir sind dann weitergetrieben worden. Zu Fuß, 30 Kilometer den ersten Tag bis nach – jetzt komme ich ein Bisschen in Schleudern mit dem Ordnen, das habe ich durcheinander. Meine Brüder waren drei und fünf. Die konnten nicht so weit laufen. Die mussten also auch getragen werden. Für mich hatten sie einen Kinderwagen und es kam uns zu Gute, dass wir so viele waren und jeder hatte andere Fähigkeiten. Der Erich hatte an den Kinderwagen seinen Hosengürtel angebunden, dass man den Kinderwagen gehoben und gezogen hat, damit er durchhält. Das hat er bald erkannt. Die Straßen waren ja nicht asphaltiert, die waren ja geschottert. Den Walter haben sie sicher mir auf die Beine gesetzt. Sie mussten ihn zum größten teil tragen und das ist unglaublich! Und dabei laufen! Der Erich hat sich verantwortlich gefühlt. Er war der Älteste. Er hat geschaut, dass alle Kinder um den Kinderwagen bleiben und ziemlich weit vorne in dem Trauermarsch. Weil hinten hat man immer Schreie und Schüsse gehört. Es gab eine Nachbarin, die in der Troppauer Strasse im Hinterhaus gleich neben uns gewohnt hat. Es war eine Frau über achtzig, die konnte nicht mehr laufen. Und die haben sie einfach im Straßengraben erschossen. Deswegen hat er geschaut, dass wir weit vorne bleiben.“

  • „Wir sind ende Marz von Jägerndorf nach Römerstadt, weil die Eltern Angst hatten vor den Russen. Und zwar wurden durch Jägerndorf immer KZ-Haftlinge durchgetrieben. Und die müssen jämmerlich ausgeschaut haben. Wir mussten da zwar immer, das erzählten mir die größeren Geschwister, in die Häuser und die dunkel machen, es durfte keiner am Fenster sich sehen lassen. Aber sie haben doch ausgespitzt. Und es mussten jämmerliche Gestalten gewesen sein. Aber man wusste nicht, wo sie herkamen, man hat nur vermutet, von was man geredet hat. Sie hatten nichts an, es war in Januar, sie haben gefroren, Lappen um die Füße, es muss grausam gewesen sein. Deswegen hatten sie Angst vor den Russen und sind dann Ende Marz, glaube ich, oder im April 1945, zu meiner Großmutter nach Römerstadt. “

  • Full recordings
  • 1

    Krnov, 26.06.2022

    (audio)
    duration: 01:42:57
    media recorded in project The Removed Memory
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Hladový pochod jsem absolvovala v kočárku, můj bratr potom Krnovu věnoval sochu madony

Helga Rügamer, Jägerndorf 2022
Helga Rügamer, Jägerndorf 2022
photo: Natáčení

Helga Rügamer, rodným příjmením Titze, se narodila 5. dubna 1944 v Krnově. V červnu 1945 se jako jednoletá v kočárku zúčastnila několikadenního krnovského hladového pochodu, během něhož musely město naráz opustit tři tisíce německých obyvatel a asi tři stovky z nich přišly o život. Helga Rügamer své vlastní vzpomínky na tuto smutnou událost ani na několikadenní pobyt ve sběrném táboře na Cvilíně nemá. Průběh pochodu zná ale dopodrobna od své matky a sedmi sourozenců, kteří šlapali desítky kilometrů vedle ní. Sto dvacet kilometrů dlouhý pochod končil v Králíkách, odtud byli Němci nákladním vlakem dovezeni do Krušných hor a pěšky vyhnáni přes Cínovec. Helžin otec Rudolf Titze, krnovský kožišník, nesměl ve východním Německu podnikat. Až na nejstarší sestru všichni sourozenci Titzeovi utekli na Západ, Helga roku 1960 na jízdním kole přes Berlín. Do rodného města se Helga Rügamer od roku 1964 ráda a pravidelně vrací, za předešlého režimu tam pořádali rodinná setkání. V posledních letech se účastní smírčích symbolických aktů, stejně jako to dělal její nedávno zesnulý bratr Walter Titze. Ten dokonce pro krnovský kostel nechal vyrobit kopii tamní sochy sv. Marie, světově známé jako Madona z Dachau.