Konrad Micksch

* 1938

  • "Dann begann man aber bei der wilden Vertreibung die Nachbarn und andere Deutsche rauszuwerfen aus ihren Häusern. Darauf sagte sie, wir brauchten keine Angst haben, weil wir uns gut verstehen. Es dauerte noch eine Weile. Es war im August, als eines Morgens unsere Schalfzimmertür mit den Piekräumen angeklopft wurde, man brüllte dabei. Wir haben uns schnell angezogen. Während wir uns anzogen, haben vier Leute das Zimmer ausgeräumt, Schmuck, meine Zinnsoldaten, mein Spielzeug, die Süssigkeiten alle eingesteckt, meine Tante zuerst runtergejagt, mich hinterhergeworfen. Meine Tante fing mich auf, sonst wäre ich wahrscheinlich auf dem Betonfussboden schwer lädiert worden. Dann ging es auf einen Leiterwagen, mit dem Leiterwagen ging es zur Schule, in Marschendorf. Dort wurden wir durchsucht. Ich hatte von dem Stück Schokolade, was ich noch schnell eingesteckt hatte, schon einen Stück gegessen. Das nahm mir eine Frau ab und gab es einem ihrer Jungen, die hinter ihr sassen, und verhielten mich. Ich wollte schon reagieren, aber meine Tante hielt mich fest. Nachdem wir so gut wie alles verloren hatten, wurden wir auf einen LKW geladen, da waren schon welche andere. Mit dem LKW fuhren wir nach Staré město in Trautenau, das war Oberaltstadt, das ehemalige KZ, das zu der KZ-Gruppe Rosen gehörte. Das war noch so, wie es die Deutschen verlassen hatten."

  • "In KZs gab es immer Appelle. Und bei den Appellen kamen immer Tschechen und Slowaken und haben sich meistens gesunde Männer und deutsche Frauen ausgesucht, die dann sofort über das Büro verschwanden und nie wieder gesehen wurden. Zweimal ist es passiert, dass solche Leute meine Tante mitnehmen wollten, und mich aber da lassen wollten. Schliesslich war ich der einzige Junge, der dort erfasst wurde. In meinem Buch haben Sie eine Übersicht, wieviel Kinder unter 15 Jahren dort existierten. Da gab es nur einen, und das war ich. Aber eines Tages kam diese Partisanin, da gab es immer bestimmte Stunde, wo man Besuch bekommen könnte, da kam sie an den Stacheldrahtzaun, musste den beiden Soldaten, die dort bewachten, paar Apfel abgeben, und warf dann den Beutel Äpfel über den Zaun. Das fand ich ganz toll. (Also das war die Verwalterin?) Ja, die Verwalterin. (Noch jemand hat Sie besuchen können?) Nein, Deutsche wurden da nicht zugelassen. (Von wem wurde das Lager bewacht?) Zuerst waren es die tschechischen Polizisten. Da war es relativ ruhig und relativ normal. Die kamen so aus dem Land. Dann übernahmen aber die Revolutionsgarden das Lager, und dann wurde es unangenehm. Da gab es schon einen Knippelhieb, wenn man woanders hingekuckt hat, und dies und jenes."

  • "Eines Tages war meine Tante und ich dran. Es kamen zwei Tschechen in Begleitung eines Mannes mit der roten Binde. Die wollte meine Tante mitnehmen und mich da lassen. Aber der Mann mit der roten Binden sagte: Ne, ne. Und er bestand darauf, dass wenn sie meine Tante nehmen, auch mich mitnehmen müssen. Ich stellte dann fest, dass das ganze wie ein Sklavenhandel ablief. Mit dem Unterschied, dass der Sklavenhandel in den USA dort mit Geld öffentlich besteigert wurde, hier wurde das Geld hinter vorgehaltener Hand von den Bauern und von den Leuten den Polizisten und Revolutionsgarden übergeben, weil sie sonst die Person nicht bekommen hätten. Also wurden wir als Sklaven in den Bauernhof in Marschendorf II. verkauft."

  • (Was konnte man in dem KZ machen, wenn man nicht gearbeitet hat?) "Früh gab es einen Signal, da musste man aufstehen, dann gab es Kontrollen, da mussten die Räume leer sein. Dann sind wir gegangen zum Speiseraum, dort gab es Wasser oder …… und auch ein paar Scheiben Brot. Dann durfte man sich auf dem Hof aufhalten, meistens gab es ja Raporte, also Appelle, wo man dort stehen musste, ansonsten konnte man sich auf dem Gelände bewegen, weil an der Mauer zur Aupa waren zwei Toiletten, man musste dann hin." (Wie haben die Toiletten ausgesehen?) "Das waren Plumsklos, das was man hinein warf landete unten in dem Fluss. Es gab Behälter und der Behälter wurde dann in die Aupa entleert." (Zum Essen und Trinken hat es estwas gegeben?) "Sehr unterschiedlich. Mittags meistens eine Suppe, sehr wässrig, abends, da kann ich mich gar nicht erinnern, meistens gab es wieder Brot und Salz. Also ich habe dort viel Hunger gelitten." (Wo haben Sie da geschlafen?) "In der Baracke, wie ich vorhin sagte, im Doppelstockbett oben mit meiner Tante. In diesem Raum waren 20 Leute. " (Gab es eine Baracke oder mehrere?) "Mehrere. Zu meiner Zeit waren dort 500 Leute, so wie die Belastung, insgesamt wurden dort aber kurzzeitig bis 2000 einquartiert." (Wieviele Häuser gab ses?) "3 Männerbaracken und 2 für Frauen." (Die Bewachung war wo?) "Ringsum war ein Stacheldrahtzaun, vorne war eine Villa, in der die Polizisten ihre Büros hatten, und für besondere Leute dann auch ein Quartier. Mein Grossvater als Gemeinderat bekam dort eine Unterkunft, in dieser Villa. Und zum Appell haben wir uns immer gesehen."

  • (Sie haben gesagt, dass Sie dann von Jungbuch auf Viehwagons gefahren wurdet und dass Sie fast nichts mit hatten. Was konntet ihr so einpacken?) "Also eins war wichtig. Am Bauernhof hatte meine Tante und ich nichts. In Freihet – Svoboda nad Úpou bei dem Onkel Bäcker hatten wir Decken und alles mögliche mitgenommen. Das heisst wir waren einige Masse ausgestattet, als wir nach Jungbuch transportiert wurden. Da gab es zwischen der Erfassung und der Einlieferung in Jungbuch keine Zwischenkontrolle. Wir hatten dann Decken, ich hatte auch eine dicke Jacke, und mit den Sachen sind wir dann in den Zug gestiegen. Wir hatten also Gepäck. Das, was wir tragen konnten. Laut Entscheidung der Grossmächte sollten das 35 Kilo werden, vor Ort waren es nur 25. Meine Tante hatte dann 15, ich hatte Zehner." (Was alles passte so rein in das Gepäck?) "Essen, Trinken, Unterwäsche, ein paar Schuhe, Jacke und Hemde. An mehr erinnere ich mich nicht, da war der Rucksack schon voll. Und der Rucksack."

  • (In der BRD hat es so etwas gegeben, wie ich gehört habe, wie ein Lastenausgleich, dass dann die Vertriebenen vom Staat irgendeinen finanziellen Ausgleich bekommen haben. Gab es hier auch so etwas?) "In der DDR nicht. Aber als wir BRD wurden, haben Zwangsarbeiter 4000 Mark bekommen, deutsche Mark. Da ich mich auch melden durfte, habe ich die auch gekriegt." (Wie mussten Sie beweisen, dass Sie ein Zwangsarbeiter gewesen sind?) "Es reichte die Mitteilung, meine Unterlage, die ich gegeben habe, mit meiner Tante, da musste ingendwas draufstehen mit Arbeiten. Und da ich das genau beschreiben konnte, Masrschendorf II., und das und jenes, und auch den Eintritt in das KZ, da wurde das akzeptiert. Es reichte detaillierte Beschreibung."

  • Full recordings
  • 1

    Dresden, 18.06.2021

    (audio)
    duration: 01:56:28
    media recorded in project The Removed Memory
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Im trautenauer Sammellager war ich das einzige Kind

Konrad Micksch, Dresden, 2021
Konrad Micksch, Dresden, 2021
photo: Konrad Micksch, Dresden, 2021

Konrad Micksch wurde am 16. Dezember 1938 in Reichenberg (Liberec) geboren, wuchs aber nach dem Tod seiner Mutter bei seiner Tante und seinem Großvater in Marschendorf (Horní Maršov) auf. Sein Vater Franz reiste um die Welt als Geschäftsreisender, der Großvater hatte in Marschendorf ein Gasthaus, wo sich Tschechen und Deutsche trafen. Der Großvater war zugleich Mitglied des Gemeinderats für die deutschen Einwohner. Ab Mai 1945 erlebte Konrad einige unangenehme Ereignisse, einschließlich eines Vorfalls mit sowjetischen Soldaten in Großvaters Gasthaus. Im Juli 1945 wurde in dem Gasthaus zunächst eine tschechische Verwalterin eingestellt, im August erlebten sie dann am eigenen Leibe die Aussiedlung. Sie wurden in das ehemalige Konzentrationslager in Oberaltstadt bei Trautenau (Horní Staré Město u Trutnova) versetzt. Konrad war das einzige Kind, das jünger als fünfzehn Jahre alt war, das dort interniert worden war. Aus dem Lager wählte man Leute aus, die arbeiten sollten. Auch seine Tante wurde eines Tages ausgewählt und so gelangte Konrad zusammen mit ihr zur Arbeit an einem Bauernhof in Marschenau II (Maršov II). Nach einiger Zeit konnte es der Großvater einrichten, dass Konrad zu seinem Onkel nach Bergfreiheit (Svoboda nad Úpou) gebracht wurde. Der Onkel hatte dort eine Bäckerei und kümmerte sich bereits um Konrads Bruder. In Bergfreiheit ging Konrad auch zur tschechischen Schule, wo er aber kaum verstehen konnte. Letztendlich wurde auch die Familie des Bäckers in eine ehemalige Textilfabrik in Jungbuch (Mladé Buky) ausgesiedelt. Dort traf er wieder seinen Großvater und die Tante. Nach ein paar Wochen wurde die Familie von dort aus in die sowjetische Besatzungszone Deutschlands, in die Nähe von Gera ausgesiedelt. Dort setzte Konrad seine Schulbildung fort und sah im Jahr 1946 seinen Vater, der für die Wehrmacht gekämpft hatte, nach fünf langen Jahren wieder. Nach dem Abitur stieg er in die Nationale Volksarmee der DDR ein und machte ein Fernstudium zum Elektroingenieur, später studierte er auch Betriebswirtschaft an der Technischen Universität in Dresden. Er stieg in die Partei SED ein und war ab dem Jahr 1961 in der Firma Elektroprojekt eingestellt und führte Projekte für Kraftwerke und andere Anlagen auch im Ausland, durch. Seit 2013 kehrt er oft und gerne in die Tschechische Republik zurück.