Hannelore Erber

* 1940

  • „Mit dem Bus durften wir nur durchfahren, und wenn wir ausgestiegen sind, waren dort gleich immer Wachsoldaten. Man durfte nicht viel fotografieren. Man war sehr unter Aufsicht. Und wir mussten Umtausch machen, so viel Geld in Kronen. Und das hat man nicht verbraucht, weil es nichts gab. Da habe ich gesagt, gehen wir doch einfach jetzt ins Hotel und kaufen uns mal ein Gläschen Wein oder etwas. Und wir haben gemerkt, dort waren Leute, die nur zugehört haben, die sich aber nicht einordnen konnten. Dann wollten wir bezahlen, und er (der Kellner) hat gesagt, es ist schon bezahlt. Ich habe gesagt: ,Mama, er hat dich nicht richtig verstanden, vielleicht sag ihm doch, dass wir bezahlen.´ Und es waren Deutsche, die geblieben sind und die uns verstanden haben, aber sie konnten nicht mit uns reden. Das haben wir dann erst erfahren, dass sie Schwierigkeiten gekriegt hätten, wenn sie uns Deutsch angesprochen hätten.“

  • „Die Tschechen kamen und wir mussten weg. Wir mussten an den Bahnhof nach Halbstadt laufen. Und da mussten wir in die Güterzüge, in die Kohlenwagen. Dieser Zug sollte eigentlich in die Sowjetunion fahren, das habe ich nachher erfahren. (Wir fuhren) bis zur polnischen Grenze, und die Polen ließen den Zug nicht durch. Und dann waren drei lange Tage, wo wir nur auf den Gleisen hin und her fuhren. Und das war schlimm, weil auch dann der Regen kam und wir waren nicht versorgt und wir warern alle reingepfercht. Und es (der Kohlenwagen) war offen. Und dann in dem Regen sind wir wieder nach Halbstadt ins Lager zurückgekommen, und es war schon überfüllt. Wir mussten dann bleiben. Von September bis Januar waren wir in Halbstadt im Lager.“

  • „Drinnen war mir wichtig, diesen Hausflur zu sehen.Nämlich damals, als wir überfallen von den Polen wurden, haben sie an die Tür gedonnert und meine Geschwister waren ja alle (weg) und ich kam aus dem Bett nicht raus. Dort war Gitter oder etwas, wo ich hinrüber steigen musste. Und ich war wahrscheinlich mehr verschlafen noch. Und meine Geschwister waren alle bei der Oma. Und ich kam nicht hinüber zu denen. Ich stand also ganz allein und nur dieses Donnern, dass sie die Tür einbrechen. Und ich musste mich ganz ruhig verhalten. Ich muss fürchterlich geheult haben. Und wie sie dann reinbrachen, wenn die Oma aufmachte, war ich ganz allein da. Und eine Frau hat mich hochgenommen, weil ich so bitterlich geheult habe. Ich war total fertig. Und ich wollte wissen, warum ich nicht hinübergekommen bin. Wie groß ist dieser Flur? Und dann sah ich das und habe als Erwachsener gedacht, drei Schritte und ich wäre dort gewesen. Aber als Kind habe ich das nicht geschafft.“

  • Full recordings
  • 1

    Bad Kissingen, 13.07.2025

    (audio)
    duration: 01:07:12
    media recorded in project Příběhy regionu - HRK REG ED
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Sie hat nicht geschafft, drei Schritte über den Flur zu machen

Hannelore Erber in 2025
Hannelore Erber in 2025
photo: Post Bellum

Hannelore Erber, geborene Weißer, wurde am 18. August 1940 in Schönau bei Brauna (Šonov bei Broumov) geboren und hatte zwei Schwestern und einen Bruder. Ihre Mutter Rosa Weißer kümmerte sich um den Haushalt und den kleinen Bauernhof, ihr Vater Josef Weißer arbeitete als Glockengießer in der Eisengießerei in Broumov. Ihr Vater wurde zu Beginn des Zweiten Weltkriegs zur deutschen Armee eingezogen und kehrte 1948 aus französischer Gefangenschaft zurück. Im Mai 1945 überfiel eine Gruppe polnischer Zivilisten ihren Bauernhof. Ende August 1945 mussten sie ihr Haus verlassen und verbrachten drei Tage in einem Kohlezug, da die polnische Seite ließ den Zug nicht über die Grenze fahren. Von September 1945 bis Januar 1946 waren sie in einem Lager in Halbstadt (Meziměstí), ihre Mutter half den neuen tschechischen Besitzern auf den Höfen. Im Januar 1946 wurden sie zusammen mit ihrer Großmutter Marie Weißer nach Forchheim in Bayern ausgesiedelt. Aus dem Speisesaal einer Fabrik und dem Tanzsaal eines Gasthauses wurden sie unter Polizeibegleitung in einem Zimmer im Stadtzentrum untergebracht. Später lebten sie zusammen auch mit ihrer Großmutter Bertha Hitschfel und ihrem Vater in einer Zweizimmerwohnung. Im September 1946 begann sie die achtjährige katholische Mädchenschule, dann lernte sie drei Jahre zur Friseurin, weil sie sich eine Mittelschule nicht leisten konnten. Mit zwanzig begann sie im Krankenhaus zu arbeiten. Dann studierte sie eine Fachschule im sozialen Bereich in Düsseldorf, machte die Fachschulreife und wurde Erzieherin. Sie arbeitete in einem Kindererholungsheim, in einem Heim für ledige Mütter und viele Jahre lang in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in München. Mit fünfzig Jahren heiratete sie. Seit den 1970er Jahren fuhr sie mit dem Heimatkreis in die Region Braunau, wo sie immer auch ihr Geburtshaus in Schönau besuchte. Im Jahr 2016 kehrte sie nach Forchheim zurück und übernahm später die Leitung des Braunauer Heimatmuseums. Im Jahr 2025 lebte sie in Forchheim.