Michael Brack

* 1949

  • „Eigentlich bin ich der Tschechoslowakei dankbar und Alexander Dubček, weil er mein Leben in eine Richtung gedrängt hat, die mich heute zufrieden sein lässt, die mich heute sagen lässt: Ok, du hast nicht immer alles richtig gemacht, aber du hast nicht viel falsch gemacht. Ein Leben, das mich heute auch relativ zufrieden auf diese Zeit zurückblicken lässt, mit allen ihren Umwegbarkeiten, mit allen ihren Missverständnissen, die man als junger Mensch erfährt und erleidet... Eigentlich bin ich Alexander Dubček und der Tschechoslowakei dankbar.“

  • „Ich habe ja dann im Herbst 1989, das muss im Oktober gewesen sein, Ende Oktober, in meiner Region… Also dass es die Gründung des Neuen Forums gab, wusset mann auch schon durch West-Berliner Presse und Rundfunk erfahren. Und dann habe ich Kontak zu einigen Leuten aufgenommen, di ich kannte, ich habe mir Unterlagen besorgt und habe versucht bei mir in der Region das Neue Forum zu gründen. Ich habe auch Leute gefunden, die das mitgemacht haben. Durch diese Gründung, oder durch diesen Versuch der Gründung, habe ich den 9. November abends verpasst, habe das erst am nächsten Morgen erfahren. Ich bin dann mit meiner damals vierzehnjährigen Tochter nach Westberlin gefahren.“

  • „Die Lindenstrasse in Potsdam war ein Bau aus Kaiserszeiten, wurde auch zu den Kaiserszeiten schon als Gefängnis genutzt, wurde in der Nazizeit als Gefängnis genutzt. Zum Beispiel gab es da nur Einzelzellen, da hat man nie einen anderen Gefangenen getroffen, da gab es immer so rote Ampeln an den Wänden und wenn die rote Ampel anging, dann hiess das, dass im Gang auch ein anderer Gefangener geführt wurde, und dann hiess es: Gesicht zur Wand, Hände an den Rücken! Ich weiss nicht, warum sie das gemacht haben, wahrscheinlich war das so eine Art weisse Folter, also psychische Folter, dass man nie jemanden anderen gesehen hat. Oder man hätte ja mit dem anderen Häftling einen aufmunternden oder mitleidenden Blick tauschen können. Das wollte man vermeiden.“

  • „Wie lange dauert das, bis man so eine Anschrift schreibt?“ „E-S.. L-E-B-E ... D-U-B-Č-E-K!... Wie lange dauert das?“

  • Full recordings
  • 1

    Praha, 21.08.2025

    (audio)
    duration: 01:55:45
    media recorded in project 10 pamětníků Prahy 10
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Im Jahr 1968 protestierte ich gegen die Invasion in die Tschechoslowakei. Das half mir, der Mensch zu werden, der ich sein wollte.

Michael Brack um 1968
Michael Brack um 1968
photo: pamětník

Der im März 1949 geborene Michael Brack wuchs im Nachkriegs-Berlin auf. Der Bau der Berliner Mauer trennte seine Familie. Als Teenager erkannte er die Verlogenheit des kommunistischen Regimes, hörte Beatles und Rolling Stones, ließ sich lange Haare wachsen und besuchte Rockkonzerte. Im Sommer 1968 reiste er mehrmals nach Prag, wo ihn die entspannte Atmosphäre faszinierte. Als er am 21. August 1968 im Radio vom Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei erfuhr, beschloss er sofort zu handeln. Zusammen mit seinem Freund Wolfgang Püschel nahmen sie Farbe und Pinsel und beschrifteten in der Nacht fünf Mauern am Bahnhof: Es lebe Dubček! Freiheit für die ČSSR! Als dann Menschen verhaftet wurden, die gegen den Einmarsch protestierten, versteckte sich Michael Brack drei Wochen lang bei Verwandten auf einem Bauernhof. Die Geheimpolizei Stasi verhaftete ihn unerwartet erst im Herbst 1969. Er verbrachte mehrere Wochen in verschiedenen Gefängnissen. Nach seiner Entlassung aus der Haft nahm sich der Dissident Gerd Poppe mit seiner Frau Ulrike seiner an. In ihrer Berliner Wohnung lernte er auch den Liedermacher Wolf Biermann, die Malerin Bärbel Bohley und andere Dissidenten kennen. Seine Freunde verhalfen ihm zu einem Studienplatz, doch aufgrund seines Einberufungsbefehls musste er sein Studium der Schauspielerei und Theaterwissenschaften abbrechen. Er diente bei den sogenannten Bausoldaten. Nach seiner Heirat zog er mit seiner Frau auf einen Bauernhof in Hartmannsdorf bei Berlin. Er züchtete Schafe, veranstaltete auf dem Hof Treffen ostdeutscher Dissidenten und unterstützte auch die Solidarność-Bewegung in Polen materiell. Nach dem Fall der Berliner Mauer gründete Michael Brack eine lokale Zelle des Neuen Forums und wurde bei den Kommunalwahlen im Herbst 1990 zum Bürgermeister von Hartmannsdorf gewählt, woraufhin er gleichzeitig Verwaltungsrecht studierte. Seit seiner Pensionierung ist er als Zeitzeuge und Besucherreferent in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen - im ehemaligen Stasi-Gefängnis - tätig. Im Jahre 2025 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.