Manuela Weiß

* 1969

  • „In der DDR war es so, das es private Telefonanschlüsse eigentlich nicht gab. Noch in der Botschaft haben wir eine Postkarte einem Journalisten am Zaun überreicht, weil am Zaun immer auch westdeutsche Presse stand. Er hat für uns eine Postkarte in den Kasten geschmissen, da war eigentlich der Text... Der Text der Postkarte war: Wir sind gut angekommen, und alles sah immer noch so aus wie Wochenendausflug in Prag, aber meine Eltern wussten dann schon, gut angekommen heisst in der Botschaft... Und wir haben dann auch versucht zu telefonieren, irgendwie haben wir versucht unsere Eltern telefonisch zu erreichen, was mehr oder weniger auch eine Katastrophe war. Die Eltern waren ja telefonisch erreichbar nur in Verbindung mit der Arbeit oder über Bekannte, wo man wusste, die haben ein Telefon. Ich habe meinen Eltern auch noch einen Brief geschrieben, also eher postalisch war das dann möglich wieder Kontakt aufzunehmen. Telefon war kompliziert.“

  • „Natürlich ist das durch die Medien auch bekannt geworden, die Balkonszene haben natürlich auch die Leute in Ostdeutschland gesehen, und natürlich wollten viele auf diese Züge mit aufsteigen. Die ersten Züge sind durch den Dresdner Hauptbahnhof gefahren, und dort war auch die Hölle los: Polizeiaufgebot und Personen, die auch noch versucht haben, in diesen Zug in Westen zu kommen. Als wir in Dresden waren, merkten wir, dass man sehr seltsam drum herum das Hauptbahnhof fährt, und viele wussten gar nicht, dass auch der fünfte Zug auch noch durch Dresden kam.“

  • „Wir wurden dann von dem Botschafter in Gruppen in dem Raum in der Botschaft empfangen. Der Botschafter hat gesagt: ‚Wir haben sie nicht hierher gebeten, aber wir schicken sie auch nicht wieder weg. Wir werden sehen, wie es mit den Verhandlungen mit der DDR weitergehen soll, es muss eine Lösung gefunden werden.‘ Es wurde eben immer unzumutbarer aufgrund der sanitären Verhältnisse, weil Tag und Nacht die Leute über den Zaun stiegen. Die Lösung wurde mehr oder weniger offen gehalten. Irgendwann kam dann das Angebot, dass wir geordnet wieder in die DDR zurück reisen, und von dort aus in Westen reisen. Aber darauf hat man sich nicht eingelassen, das Vertrauen war zerstört. Aber ich habe gesehen, dass dort auch Leute mit kleinen Kindern waren, in den Zelten schrien nachts die kleinen Kinder, die Leute wurden krank aufgrund der katastrophalen sanitären Verhältnisse, dass da halt diese Leute das Angebot angenommen haben, aber die allermeisten haben gedacht: Nein, in die DDR gehe ich nicht mehr zurück. Wir warten, was sich hier weiter entwickelt und wir bleiben erstmal hier.“

  • „In der Botschaft sah es eigentlich chaotisch aus. Der fantastische Park in der Allee war zertrampelt, Massen von Leuten. Als wir ankamen, begann man damit, Zelte aufzubauen von der Bundeswehr oder vom Deutschen Roten Kreuz. Durch das DRK gab es dort eine warme Suppe. Ich habe einen Trainigsanzug von der Bundeswehr bekommen. Wir wurden ersmal ausgestett, weil wir kaum Kleidung hatten, und mein Mann hat sich dann bemüht, dass wir in so einem Zelt unterkommen. In dem Botschaftsgelände kempierten die Leute im Treppenhaus, sie schliefen auf Treppenstufen, aber dort war alles schon belegt, das war für uns unmöglich. Deshalb haben wir uns bemüht, in einem der Zelte unter zu kommen, mindestens ein Bett im Doppelstockbett zu bekommen. Das war sogar beheizt mit Ölöfen. Dann ist es uns gelungen, dass wir wenigstens ein Bett bekamen. Dann haben wir dort den Tag verbracht. Auch sanitäre Verhältnisse waren katastrophal, ewig anstellen an der Toilette, oder mal duschen. Es wurde immer krasser, weil immer mehr kamen, aber irgendwie fand man das gar nicht so schlimm, man wusste, man war erstmal auf einem Stück westdeutschen Boden. Die Botschaft ist ja quasi ein Stück Westdeutschland in Prag.“

  • Full recordings
  • 1

    Praha, 29.09.2024

    (audio)
    duration: 56:53
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Die Botschaft war ein Stück Westdeutschland in Prag

Manuela Weiss, 2024, Praha
Manuela Weiss, 2024, Praha
photo: Natáčení

Manuela Weiß wurde am 18. Juli 1989 in Meißen geboren, beide Elternteile hatten einen Hochschulabschluss. Sie wuchs in Dresden auf. Obwohl sie eine glückliche Kindheit hatte, wurde ihr nach und nach bewusst, welche Einschränkungen das Leben in der DDR mit sich brachte. Am stärksten spürte sie diese Einschränkungen mit achtzehn Jahren, als sie unabhängig werden wollte, aber keine eigene Wohnung haben, keinen freien Beruf wählen und auch nicht reisen durfte. Zusammen mit ihrem Freund stellte sie daher einen Antrag auf Ausreise und heiratete ihn im Juni 1989, teilweise auch wegen dieses Antrags. Bereits auf der Reise zum Plattensee im Mai 1989 dachten sie über eine Auswanderung über die ungarisch-österreichische Grenze nach, beschlossen aber, die Bearbeitung ihres Antrags abzuwarten. Als ihr Ausreiseantrag jedoch am 22. September 1989 ohne Angabe von Gründen abgelehnt wurde, entschieden sie sich für die Flucht über die Botschaft der BRD in Prag. Dort mussten sie über einen Zaun klettern, erlebten aber eine familiäre Atmosphäre inmitten einer ständig wachsenden Zahl von Flüchtlingen. Es gelang ihnen sogar, einem westdeutschen Journalisten über den Zaun eine Postkarte für ihre Eltern zu übergeben. Manuela erinnerte sich auch nach vielen Jahren noch mit Rührung an den Abend des 30. September 1989, als der westdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der Botschaft erschien und allen die unglaubliche Nachricht verkündete, dass sie in den Westen ausreisen könnten. Das geschah noch in derselben Nacht, die Weiß fuhren mit dem letzten vorbereiteten Zug, da Familien mit Kindern Vorrang hatten. Ihr Zug umfuhr den Dresdner Hauptbahnhof, wo es zuvor zu herzzerreißenden Szenen gekommen war, als weitere Menschen versuchten, in den Zug einzusteigen, aber von der Polizei daran gehindert wurden. Glücklich kamen sie dann im bayerischen Schwandorf an, wo ihnen zunächst Unterkunft in den Kasernen der Grenzschutzbeamten gewährt wurde, bald aber auch eine bessere Unterkunft und Arbeit in ihrem Berufsfeld. Nach viereinhalb Jahren im Westen beschlossen die Weiß, nach Dresden zurückzukehren, da die Gründe, warum sie von dort weggegangen waren, nicht mehr bestanden und sie sich am Wiederaufbau der ehemaligen DDR beteiligen wollten.