Ewald Hannabach

* 1930

  • „Die Sudetendeutsche Partei – die haben es sehr positiv beurteilt, während die Sozialdemokraten nicht. Da gibt es eine Geschichte. Die Sozialdemokraten waren ja gegen den Anschluss an Deutschland. Jedenfalls hat man den offen gelassen nach Kanada auszuwandern, um nicht vom Deutschen Reich bedrängt zu werden. Es gingen Transporte nach Kanada, wobei ein Nachbar von uns, er war Leiter von der Krankenkasse, der hat sich auch dem angeschlossen. Die Kanadier waren da sehr rigoros, sie wurden mit dem Personenzug zur Grenze gebracht und gesagt: ‚Jetzt könnt ihr Holzhäuser bauen.‘ Die Sozialdemokraten waren alle keine Holzfachleute, aber die haben es gemacht. Aber einige sind dann wieder zurück in das sogenannte Sudetenland und denen ist auch nichts passiert weiter.“

  • „Da kam in Schönbach die deutsche Wehrmacht durch, und zwar, wir waren zwischen Kraslice – Strasse und Falkenauer Strasse, von da kamen die Panzer, die deutschen. Wir haben gezählt – 400 Panzer sind da durchgefahren. Und die deutsche Wehrmacht hat dann in Schönbach auch Quartier bezogen und auf dem Turnplatz haben sie dann exerziert. Das hat die deutsche Wehrmacht alles besetzt. Die sogenannten Sudetendeutschen Gebiete haben sie dann besetzt gehabt. Vorher hat man das ausgemacht, wie weit es geht.“

  • „Ja, einmal die Obertorkaserne, ob es die noch gibt weiss ich nicht, und das alte Kloster, da sind die Transporte nach Westdeutschland, also nach Bayern gegangen. Es war so, dass in jedem Kloster war ein Arzt, und im alten Kloster war der Doktor Mödler aus Schönbach, auch Wehrmachtarzt, der hatte dort die ärztliche Aufsicht gehabt. Doktor Mödler war mein Patenonkel. Dann ist etwas passiert, was ich heute nicht richtig einordnen kann. Wir waren also da in der Nacht zur Übernachtung in der Obertorkaserne, mit diesen Stahlbetten, am nächsten Tag mussten wir Burschen Kartoffeln schälen. Und die nächste Nacht war so, da haben meine Eltern uns gesagt: ‚Wir müssen umziehen.‘ Das heisst das Gepäck vom ersten Stock runter über den ganzen Platz, im Kasernengelände war alles beleuchtet, aber kein Mensch da, keine Kontrolle, das Tor war offen und vor dem Tor stand ein Pferdefuhrwerk, hat uns das ganze Gepäck aufgeladen und hat uns ins alte Kloster gefahren. Und dort auch keine Kontrolle, nichts, die Türen waren alle offen. Jedenfalls waren wir dann im alten Kloster, um nach Bayern ausgesiedelt zu werden. Das hat wahrscheinlich mein Patenonkel veranlasst.“

  • „Dann war halt die Aussiedlung. Da ist mein Onkel mit Familie auch gleichzeitig und mein Schulfreund mit seiner Mutter ausgesiedelt. Da hat man ein Schreiben gekriegt, dass man sich in Schönbach an einem bestimmten Ort einfinden muss, mit 30 Kilo Gepäck, um dann in das Aussiedlungslager nach Eger abgeholt zu werden. Am Vormittag musste man da antreten. Eigenartigerweise war auch meine Grossmutter mütterlicherseits auch mit ausgesiedelt worden. Man konnte ja keine Sitzmöbel oder irgendwas mitnehmen, sie war aber schon eine alte Frau. Da war ein kleines Sesselchen, was mein Grossvater in Wien angefertigt hat, da hat sich die Oma immer draufgesetzt und keiner hat gemerkt, dass ein Möbelstück da mitgegangen ist. Jedenfalls bis wir abgeholt wurden hat es lange gedauert, es war schon finster. In Eger mussten wir dann antreten in der Obertorkaserne, es gab die Kontrolle, aber die Burschen, die da kontrolliert haben, die waren schon den ganzen Tag beschäftigt, die sind auch mit Schnaps und Geld bestochen worden. Die haben mit dem Fuss auf die Waage gestochen und alles durchgewogen, obwohl meine Mutter schon sowieso mehr als die dreissig Kilo Gepäck eingepackt hatte, es ging dann alles durch. Aber die Sache hatte ja einen Hacken. Die Obertorkaserne war der Aussiedlungslager für die russische Besatzungszone nach Deutschland. Da wollte aber keiner hin.“

  • Full recordings
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    Bubenreuth, 07.11.2023

    (audio)
    duration: 01:38:42
    media recorded in project The Removed Memory
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Nach der Vertreibung bin ich nie wieder nach Schönbach zurückgekehrt, nicht einmal zu Besuch

Ewald Hannabach, Bubenreuth, 2023
Ewald Hannabach, Bubenreuth, 2023
photo: Natáčení

Ewald Hannabach wurde am 1. Januar 1930 in Luby (Schönbach) bei Cheb (Eger) als zweiter Sohn von Arthur Hannabach, einem bedeutenden Musikinstrumentenhändler, in eine deutsche Familie hineingeboren. Das Familienunternehmen war bereits von seinem Urgroßvater Anton Hannabach gegründet worden; die Familie besaß ein großes Haus mit einer Werkstatt zur Herstellung von Saiten und Musikinstrumenten. Ewald besuchte zunächst die Grundschule in Luby, die weiterführende Schule dann in Cheb. Nach 1938 bewahrte die Familie ihre Neutralität; der Vater wurde aus gesundheitlichen Gründen nicht zur deutschen Armee eingezogen, der ältere Bruder Gerold wurde im Januar 1945 zu einer Einheit der Flugabwehrartillerie einberufen. Ewald absolvierte von 1944 bis 1946 eine Lehre als Musikinstrumentenbauer in der benachbarten Firma Lang und erledigte oft Besorgungen für den Meister. Diese waren oft sehr abenteuerlich, da zu dieser Zeit bereits fertige Instrumente und Produktionsmittel illegal nach Deutschland transportiert wurden. Die Musikinstrumentenproduktion in den Werkstätten in Luby wurde bis zum Sommer 1946 fortgesetzt, als der Großteil der deutschen Bevölkerung vertrieben wurde. Auch Ewald fuhr mit seinen Eltern und seiner Großmutter mit einem Transport nach Bayern. Im bayerischen Bubenreuth setzten sie die Herstellung von Musikinstrumenten fort, insbesondere sein Vater Arthur und sein Bruder Gerold, der zu einem weltbekannten Hersteller von Meistergitarren wurde. Ewald ließ sich schließlich bei der Firma Siemens anstellen, wurde Techniker und Ingenieur und war für verschiedene Projekte nicht nur in Europa verantwortlich. Er betrachtete die Vertreibung als einen so einschneidenden Wendepunkt in seinem Leben, dass er nie wieder nach Schönbach zurückkehrte.