Ingeborg Mauder

* 1937

  • „Ja, so, dann hatten wir eine Freundschaft mit einem Tschechen, also das heißt mein Vater, meine Eltern, die hatten hier einen Bekannten im Rathaus, den sie dann gut gekannt haben. Der konnte gut Deutsch, und die Mutter war Egerländerin und der Vater Tscheche. Und die haben dann damals zur Zeit hier in Tepel gewohnt. Und der war im Rathaus Sekretär. Und der hatte damals meinen Eltern viel geholfen. Wie sie das Geschäft auch hatten. Also diese Notschlachtungen. Das war ja auch nicht so einfach. Das hat eigentlich nur meine Mutter geführt. Mein Vater, der kam aus dem Krieg, und dann hieß es nur meine Mutter, und dann hat die da auch das Tagebuch geführt, die musste immer Tagebuch führen. Und da hat sie sich mal verschrieben. Und da hat sie ein Blatt ausgerissen, und das war ihr Fehler. Und das haben die gemerkt auf dem Rathaus, da fehlt eine Seite. Und da kam mal, da wurde unser Haus umstellt mit Soldaten, mit Maschinenpistolen. Das ganze Haus wurde umstellt. Da wollten sie meine Mutter einsperren. Sie hatte ja was verheimlicht, da ist ein Blatt rausgerissen, und da wurde sie fast den ganzen Tag verhört. Von den Tschechen. Also das war schlimm. Das war ein schlimmer Tag für mich. Und da kam der Herr Kotěšovec [Red.: Name nach dem Transkript, ursprüngliche Form nicht gesichert] und hat dann ihr geholfen. Bis sind sie dann abends auf einmal abgezogen ohne irgend… da haben wir schon Angst ausgehalten, wie die auf einmal unser Haus umstellt haben.“

  • Da war ja da oben Lager, da war ja da Strandbad früher, wo man immer schön baden konnte. Und da war ein Lager. Und in dem Lager da waren dann diese Frauen. Das waren Juden, die da versammelt wurden und dann sind die dann zum Bahnhof getrieben worden. Mit Decken hatten sie umhängen. Und da hat sich ja einmal eine in unser Haus geschlichen. Die sind vorbei und wir haben aus dem Fenster geguckt und da kam auf einmal stand bei uns eine in der Küche. Meine Mutter hat schnell die Tür zugeschlossen, weil wenn da die Soldaten nachgekommen wären… und ja, die hat schlimm ausgesehen. Sie hat ihr dann Fußbad, sie hatte keine Schuhe an, hat ihr was zum Essen gegeben und sagt sie ,wo kommt ihr denn hin?' – ,Ach, das wissen wir nicht.'

  • „Ja, sie haben viel Glück gehabt. Sie sind erstens mal gesund geblieben, dann haben sie aus Schwalheim aus… der hat nicht gleich, da hat er bei den Amerikanern gearbeitet, erstmal in so einer Wäscherei, und dann hat er in Bad Nauheim bei einer Frau, die hatte eine kleine Metzgerei gehabt, mithelfen können, aushelfen. Und dann haben wir einen Bekannten kennengelernt, er sagte dann: ,Ich habe hier so ein… du kannst das ausbauen in Nieder Mehlen, mache dich doch selbstständig.' Und dann haben die den Mut gehabt und haben da angefangen. Aber ganz klein und armselig. Das ging damals noch. Und haben sich dann vorgearbeitet wieder. Und haben wir eine Filiale noch gehabt, mein Vater hat gute Sachen, Wurst gemacht, schönes Fleisch, so wir haben gutes Geschäft damals gehabt. Konnten Haus kaufen wieder, oder zwei Häuser sogar, ja.“

  • Full recordings
  • 1

    Teplá , 28.06.2025

    (audio)
    duration: 01:03:58
Full recordings are available only for logged users.

Wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre, würde ich mir dort ein Haus kaufen. Aber heute wäre das schon schwierig, ich spreche kein Tschechisch.

Ingeborg Mauder, Teplá 2025
Ingeborg Mauder, Teplá 2025
photo: Post Bellum

Ingeborg Mauder, geborene Fischbach, wurde am 23. September 1937 in Teplá in eine deutsche Familie geboren. Ihr Vater Franz Fischbach besaß eine örtliche Metzgerei, die Mutter Maria arbeitete als Köchin und führte später ein eigenes Geschäft. Während des Krieges diente Franz Fischbach vermutlich als Koch in der Wehrmacht während des Feldzuges gegen die Sowjetunion, sodass der Haushalt einschließlich der Metzgerei in der Verantwortung der Mutter lag. Am 6. Mai 1945 erlebte die Familie die Befreiung und die Wiedereinführung der tschechoslowakischen Staatsverwaltung. Im Zuge der Nachkriegsvertreibungen der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei wurde die Familie 1946 ausgesiedelt. Zunächst durchliefen sie ein Sammellager in Teplá, anschließend wurden sie mit dem Zug nach Hessen zu einer Bauernfamilie nach Schwalheim gebracht. Ingeborg Mauder besuchte dort die örtliche Schule, später das Gymnasium, und half neben der Mitarbeit in der familieneigenen Metzgerei auch bei der Betreuung der nach dem Krieg geborenen jüngeren Schwester. Die Eltern arbeiteten sich nach und nach wieder zu einem eigenen, erfolgreichen Betrieb hoch. Ingeborg heiratete im Jahr 1959 und erzog mit ihrem Ehemann drei Kinder. Ihre Erinnerungen an die Kindheit in Teplá teilte sie mit ihren Angehörigen. In ihre Heimatstadt kehrte sie erstmals 1971 zurück. Seither besucht sie ihren Geburtsort regelmäßig und bewahrt bis heute den Tepler Dialekt, den sie an weitere Generationen weitergibt. Zur Zeit der Aufzeichnung dieser Erinnerungen lebte Frau Ingeborg Mauder in der deutschen Stadt Butzbach.