The following text is not a historical study. It is a retelling of the life story of a witness based on his memories recounted in an interview. The narration was prepared by external collaborators of Memory of Nations. In some cases, materials made available by the Security Services Archive (ABS) have been used in the preparation of the portait. Hence, we use them only as a supplement to the witness’s testimony or that of other sources. Pages cited from ABS volumes have been placed in the additional materials section.

If you have objections or additions to the text, please contact the chief editor of the Memory of Nations. (michal.smid@ustrcr.cz)

Helga Marsch (* unknown  )

Über Wochen, über Wochen sind wir unterwegs gewesen zu Fuß bis Berlin.

  • 7. Juli 1934 geboren
  • 1941- 44 in Fichtwerder zur Schule gegangen
  • 1945 Flucht und Vertreibung aus Hopfenbruch
  • 1949 Schriftsetzerlehre
  • 1957 Heirat
  • 1986 Ehe geschieden
  • ~ 1995 Rente

Interview mit Helga Marsch, geb. 7.1.1934

Trebnitz, 28.5.2011

Interviewer: Charlotte v. Stromberg

 

II. GEDÄCHTNISPROTOKOLL

Persönlichkeitsbild/Ausdrucksform

  • Klare und ruhige Ausdrucksform
  • Unsicher darüber, was sie erzählen soll
  • Wäre lieber vorbereitet gewesen
  • Im ganzen ein ruhiger Mensch, der sich nicht im Zentrum des Geschehens sieht
  • Drückt mehrmals ihre Freude über die Teilnahme am Projekt aus, und die Wichtigkeit die es für die Zukunft mit sich trägt

 

Offene Fragen/Auffälligkeiten

  • Wieviel erinnert sie sich, wieviel ist übernommen von ihrer Familie, besonders ihrer Schwester Ruth? Zum Zeitpunkt der Vertreibung war sie erst 11 Jahre alt. 
  • Im freilaufendem Interviewteil erzählt sie knapp mit ausgewähltern Anekdoten; im offenen Nachfrageteil reflektiert und detailliert, aber auch mit fehlenden Zusammenhängen
  • Im Ganzen weisen die Erzählungen viele Lücken und Widersprüche auf. Beispielsweise kommt sie in der Erzählung über den genauen Ablauf der Vetreibung durcheinander. Sie greift offensichtlich auf Erzählungen ihrer Schwester Ruth zurück.
  • Von ihrem möglichen Kindheitstrauma, das durch die Vetreibung verursacht wurde, berichtet sie nicht, wohl aus Verdrängungsgründen, die sie auch ab und an einräumt. Interessant in diesem Zusammenhang ist ihr erster Besuch in Pyrehne 2001, der sie wochenlang durch Albträume noch beschäftigte.
  • Sie reflektiert dennoch bewusst über ihre Vergangenheit, wobei die direkte Nachrkiegszeit eine wichtigere Rolle in ihrer Selbstdarstellung einnimmt als die Vertreibung ansich. Ihrer Erzählform nach kann man deutlich erkennen, dass die direkte und weitere Nachkriegszeit durch  „Anpassung“ an die neuen Umstände geprägt ist
  • Auffallend ist die Wichtigkeit die sie ihren Elternteilen zuteilt; ihrem Vater während der Kriegs-und Vertreibungszeit, der sehr stark leiden musste;  ihrer Mutter während der Nachkriegszeit, die durch eine fehlende Versicherung keine Rente bekam und durch die Strapazen der Vetreibung körperlich am Ende war. Ihr Mitleid für ihre Eltern, die ihre Heimat verloren haben, ist größer, als für sich selbst.
  • Ihre jüngste Schwester wird fast gar nicht erwähnt, ihr großer Bruder nur kurz im Kontext des Krieges (Sein Einzug) und im Kontext der Teilung  Deutschlands (er verbrachte sein Leben in der BRD, sie in der DDR). Sie beteuert, dass sie bis heute dadurch politisch und ideologisch nicht auf einer Wellenlänge liegen würden. Zentraler Bezugssmensch ist für sie ihre große Schwester Ruth.
  • Man kann in ihrer Erzählstruktur auch kollektive Erinnerungen erkennen. Ihr Blick auf das Schicksal der Polen ist am deutlichsten einzugliedern in den Prozess des wandelnden Normenbildes einer Gesellschaft. Sie räumt ein, dass ihr Bild in der Nachkriegszeit negativ gegenüber Polen war, es sich aber im Zuge der veränderten Polen-Deutschland Politik geändert hat. Heute würde sie nicht mehr den Polen die Schuld für den Verlust ihrer Heimat in die Schuhe schieben.

 

 

 

III. TRANSKRIBIERTES INTERVIEW

Kindheit

Frau Marsch: Mein Name ist Helga Marsch. Ich bin am 7.1.1934 in Hopfenbruch Kreis Landsberg an der Warthe geboren. Meine Kindheit verlebte ich bis 1944 in Hopfenbruch. Meine Eltern, mein Vater war Geschäftsmann und hat einen Handel betrieben, in dem er aus dem Warthebruch Waren aufgekauft hat, Lebensmittel, Butter, Eier, und teilweise auch Fleisch, die er dann per Auto nach Berlin transportiert hat. In Berlin hatten meine Eltern in einer, in zwei Markthallen Stände mit Verkäuferinnnen und dorthin wurde die Ware geliefert, die von der Berliner Bevölkerung natürlich sehr gerne gekauft wurde, da es an Frische und so einwandfrei war.  00:01:20-9

 

Hm, jetzt muss ich wieder überlegen. Meine Kindheit war in Hopfenbruch sehr schön, soweit ich mich erinnern kann. Ich habe, wir hatten einen großen Hof. Ich bin in Fichtwerder zur Schule gegangen bis zur vierten Klasse. Wir hatten eine Zweiklassenschule. Bis zur vierten Klasse ging man in eine Klasse und dann kam man in die nächste Klasse.  00:01:55-3

 

Krieg und Flucht

1944 zeichnete sich ab, dass der Einmarsch in Russland und Polen rückwärtig war. Also unsere Truppen kamen zurück. Es zeichnete sich ab, dass Hitler bald ausgespielt haben würde. Und mein Vater beschloss mit uns die Flucht anzutreten. Und zwar im Januar 1945. Im Januar 1945 packte mein Vater einen großen Planwagen mit allem Drauf und Dran. Inzwischen waren schon viele Flüchltingstrupps bei uns vorbeigezogen, die alle nach Westen fuhren. Und so fuhren wir, meine Eltern, mit uns drei Mädchen, mein Bruder war im Kriege, der war eingezogen, über Küstrin bis an die Elbe nach Lanz bei Lenzen. Das ist in der Gegend von Wittenberge an der Elbe. Die Elbe war der Grenzfluss zwischen..hmm..bis dahin waren inzwischen die Amerikaner gekommen. Wir hatten unser eines Pferd noch. Das hatten wir auf die Weiden der Elbwiesen getrieben. Zwischendurch haben sich die Amerikaner dann nen Spaß gemacht und haben mal rübergeschossen. Vorbei natürlich nich? Aber es war so, wir kamen nicht rüber und viele viele Soldaten kamen dort in Lanz an und wollten noch über die Grenze, über die Elbe zum Amerikaner, weil die deutsche Propaganda war ja so schrecklich, hatte ja solche Schreckensbotschaften über die Russen verbreitet, dass alles mehr zum Amerikaner, oder Engländer, oder Franzosen wollte, als in russische Gefangenschaft.  00:04:27-1

 

So wir waren dort nun in Lanz untergebracht, wohnten mit einer, mehreren Familien, in einem Zimmer, in einem Haus, und dann rückten die Russen ein. Also diese Eindrücke von dem Einmarsch der Russen in Lanz waren füchterlich. Mein Vater war ein großer stattlicher Mensch, der auch viel Gewicht hatte. Das erste was war, die Russen kamen, wir saßen alle untem im Keller. Die ersten Russen die kamen hatten ihre MP im Anschlag und haben gleich meinen Vater beseite genommen. “Du Uri, du Großkapitalist” haben sie gesagt. Das hat man als Kind ja ganz fürchterlich mitgekriegt. Ja wir hatten Angst, unser Vater wird erschossen. Aber er hatte ne Taschenuhr, die hat er dann gegeben und ich glaube ich hatte auch noch ne Armbanduhr, so dass sie uns erstmal in Ruhe gelassen haben... so... könn Sie meine Pausen dann rausschneiden irgendwie oder was, weil ich zwischendurch immer wieder rekapituliern muss. ja.... 00:05:54-0

 

Ja ein weiteres Kapitel der Russen, ich weiß nicht, ob ich das jetzt so sagen kann, oder sagen darf überhaupt. Ich weiß es gar nicht. Die suchten ja viele junge Mädchen und meine Schwester war nun in dem Alter, 17 Jahre. Die kamen mit der Taschenlampe durch die Räume und haben gesucht. Du Mädchen, du mitkommen. Und mein Vater hatte dann vereinbart mit dem Hausbesitzer, die hatten unten einen Keller und da hat meine Schwester dann wochenlang dann in dem Keller gelebt. Nich? Um dem zu entgehen. So das waren die Ereignisse in Lanz an der Elbe.  00:06:44-0

 

Kriegsende und Vertreibung

Dann kamen der Frieden und mein Vater hat überlegt, wir werden wieder zurück fahren in unsere Heimat. Der treibende Keil bei dieser Geschichte war, die Mutter von meinem Vater, die auch mit dabei war und die nach Hause wollte. Ihr Mann lag dort aufm Friedhof und sie möchte auch in der Heimat sterben hat sie immer gesagt. Naja wir sind dann wieder gefahren und auf der Rückfahrt haben wir ganz viel auch erlebt. Also da wurde uns dann der ganze Wagen ausgeräumt. Aber das waren alles dann die Russen, nich, die haben uns dann praktisch regelrecht ausgeplündert. Das bisschen was wir hatten. So und dann kamen wir im Frühjahr oder im Sommer schon in Hopfenbruch an. Und das schreckliche war, mein Vater hatte ein wunderschönes Haus. Wenn ich gewusst hätte... ein Bild hab ich noch. Wir hatten ein wunderschönes Haus und das Haus war abgebrannt. Es stand nichts mehr, nicht. Und dann sind wir dann bei Nachbarn in Hopfenbruch in einem Zimmer untergekommen und meine Mutti musste arbeiten, meine Schwester musste arbeiten und meine kleine Schwester und ich, naja, als Kinder haben wir trotzdem gespielt, nicht. Ja und dann wurde mein Vater von den Russen zum Viehtransport mitgenommen, der nach Mecklenburg ging. Wir hatten alle angenommen, dass sie nach Sibirien gehn, dass sie das Vieh nach Sibirien treiben. Aber sie wollten das praktisch aus den Gebieten, wo sie sich zurückziehen wollten wieder raushaben und haben es nach Mecklenburg getrieben. Und dann kam eben die Meldung, also dann kam eben die Meldung, dass diese Gebiete an Polen gegeben werden, und wir alle wieder rausmüssen und da ging natürlich auch ziemlich robust zu. Da kam dann polnische Miliz und hat gesagt ihr müsst in 10 Minuten raus und wir hatten nun praktisch, unser Haus war ja weg, wir haben uns dann einen Handwagen geborgt, hatte sich meine Mutti geborgt, und da haben wir das Nötigste was wir also noch hatten wieder raufgepackt. Und dann ging das los dieser Transport über Wochen, über Wochen sind wir unterwegs gewesen zu Fuß bis Berlin und in Berlin hatte man uns nicht aufgenommen, dann sind wir nach Babelsberg gegangen. Und da hatte Papa Geschäftsfreunde, die bei ihm eingkauft haben in Berlin. Und mein Vater hatte, bevor die ganze Geschichte losging, mit Flucht und allem, gesagt, also wir treffen uns falls wir, auch zu meinem Bruder, der eingezogen war, falls wir uns nicht wieder sehen, treffen wir uns in Babelsberg bei Familie Müller. So und Familie Müller hat dann ein hübsches kleines Einfamilienhaus und da haben wir das Dachzimmerchen gekriegt, meine Mutti mit uns drei Mädchen, nich, mein Vater war ja nun noch auf Transport. Wir wussten nicht wo mein Vater war. Ja dann haben meine beiden Schwestern und ich, wir haben drei Typhus gekriegt und waren im Krankenhaus in Babelsberg in solchen Baracken untergebracht und in der Zwischenzeit ist mein Vater zurück gekommen....der war völlig abgemagert, was ja vielleicht im Nachhinein nicht schlecht gewesen ist, aber völlig abgemagert und wir haben das dann auch überlebt meine Schwestern und ich und haben wir in Babelsberg gelebt.  00:11:18-3

 

Nachkriegszeit

Die Nachkriegsjahre in Babelsberg war natürlich auch sehr sehr schwierig, weil Wohnunsgraum war knapp, es waren überall zerstörte Häuser und es hat lange lange gedauert eh wir praktisch eine Wohnung hatten nich. In der Zwischenzeit hat meine Schwester dann praktisch so nen Lehrerstudium aufgenommen, das war ja so ein Neulehrerlehrgang praktisch erst. Und dann zog meine Schwester aus und ich hab dann meine Schuljahre in Babelsberg beendet bis zur 8. Klasse. Und dann habe ich gelernt und zwar Schriftsetzer, in der märkischen Volksstimmer. Mein Vater war nach diesen ganzen Kriegsereignissen Lagerarbeiter beim Konsum geworden. Und meine Mutti war durch diese Flucht völlig kaputt. Ne, ja die hatte ganz schwere Rückenbeschwerden und was heute als Krankheit Osteoperose gekennzeichnet ist, das hat meine Mutter, die hatte Wirbelbrüche und konnte nicht mehr arbeiten. Also, die hat praktisch nur noch uns Mädchen versorgt und meinen Vater.  00:12:53-3

 

Ja, also in Babelsberg muss ich sagen, hm, war dann meine zweite Heimat und sehr glückliche Heimat und Kindheit, Schule, das hat mir alles sehr viel Spaß gemacht. Auch meine Lehre als Schriftsetzer. Und dann habe ich gearbeitet dort in der Märkischen Volksstimme und habe 1957 geheiratet und zwar auch einen Schriftsetzer, und wir beide sind dann aber nach einem Jahr nach Berlin gezogen...Das ist alles in Kurzform jetzt natürlich nich, ich weiß nicht ob mans ausführlicher machen sollte, ich weiß nicht. Ich, ich bin nicht der Redetyp eigentlich. (lacht) Ja..und naja, jetzt ist meine Heimat in Berlin. Ich hab dann gearbeitet in der polygraphischen Industrie, aber nicht mehr als Schriftsetzer, sondern in der Verwaltung als Betriebsabrechnerin und Planerin nannte man das damals. Durch Qualifizierungslehrgänge war das in der DDR so möglich, nich. Ja, dann habe ich meine 3 Kinder dort gekriegt in Berlin und lebe nun mit meinen 2 Söhnen, ein Sohn ist gestorben an einem Gehirntumor. Und nun lebe ich mit meinen Söhnen, also meine Söhne sind jetzt natürlich auch verheiratet und haben Kinder. Inzwischen habe ich vier Enkelkinder und 2 Urenkelinnen und lebe glücklich in Berlin und habe meine Heimat in Berlin gefunden...Das wars in kurzen Zügen.  00:15:13-5

 

(Pause) 00:15:12-5

 

Interviewer: Also Sie sprachen über die Bildung in der DDR... 00:15:21-5

 

Frau Marsch: Ja die Bildung in der DDR, ja meine meine überwiegende Bildung hat in der DDR stattgefunden und und diese Ziele, die die DDR propagiert hat, Frieden für alle Menschen, keinen Krieg, die waren für mich sehr einleuchtend, und ich habe geglaubt, so kann man eine bessere Gesellschaft aufbauen. Im Nachhinein sieht natürlich alles wesentlich anders aus. Und man beleuchtet das auch von anderen Seiten. Wir haben ja nur die eine Seite gehört praktisch. Also ich war der Meinung, bloß man hat dann gesehen, im laufe der vielen Jahre hat man selber gesehen, dass es so nicht weiterging in der DDR. Die Lebensmittel waren spottbillig, die Fahrpreise waren spottbillig, aber andere Sachen wurden eben vernachlässigt. Die Bauten verfielen zum Teil. Es wurde nichts rekonstruiert oder renoviert. Es verfiel alles langsam. Und, es konnte so nicht weiter gehen und dann praktisch die Mauer, da wurde uns gesagt, wir müssen uns abschotten gegenüber dem Westen, teilweise wurden wir ja auch ausgekauft. Ne also in Berlin hat man das ja gemerkt, also die Verwandten aus Westberlin kamen, haben bei uns billig eingekauft, in dem sie Geld getauscht haben, ne, und die Waren wurden bei uns immer knapper. Die ganzen Zusammenhänge macht man sich eigentlich im Nachhinein erst klar. Ja...und, und das es so nicht weiter ging, war ja klar. Mein Bruder war dann von der Armee, also von den Engländern dann glaube ich, entlassen wurden nach Westdeutschland. Wir konnten nicht hin zu ihm. Er konnte auf Antrag zwar zu uns, aber die Entwicklung in Westdeutschland ging ja ganz rapide den Marshallplan voran, nich. Also es tat sich ja ne Kluft auf zwischen der Entwicklung in Westdeutschland und der Entwicklung bei uns in Ostdeutschland, nich....Bis praktisch eben die Unzufriedenheit der Menschen die, das auch dann alle gesehen haben, soweit führte, dass in Leipzig dann praktisch und in Plauen und überall zu den Protestaktionen kamen nich. Wir sind das Volk, ne?  00:18:39-9

 

 

Interviewer: Und ihre Familienmitglieder, Sie sagten gerade Ihr Bruder war nicht in der DDR... 00:18:45-9

 

Frau Marsch: Nein, mein Bruder hat von Anfang an, nach dem Krieg in Westdeutschland gelebt, im Schwarzwald, ja.  00:18:53-4

 

Interviewer: Der ist dann direkt von Babelsberg... 00:18:57-1

 

Frau Marsch: Ne, der war eingezogen als junger Mensch und war bei der Armee und dann ist er in Amerikanische Gefangenschaft gekommen. Ich weiß jetzt gar nicht, oder war es englische Gefangenschaft, da muss ich meine Schwester noch mal fragen, weiß ich gar nicht so genau. Und ist von dort gleich dahin entlassen worden. Er hatte uns dann mal besucht in Babelsberg, und wollte eigentlich auch zurück zur Familie, aber mein Vater, der ja nun ne andere Erfahrung hatte, der hat dann gesagt, nein bleib da wo du bist, nich....Tja... 00:20:00-5

 

Interviewer: Haben Sie denn mit Ihren Geschwistern und ja mit Ihren Geschwistern, sind Sie zeitlich recht nah aneinander, so dass Sie die Kindheit in Pyrehne stark zusammenverbracht haben, oder..? 00:20:21-3

 

Frau Marsch: Ja, ne das war  nicht ganz so. Mein Bruder ist 8 Jahre älter als ich und meine Schwester ist 7 Jahre älter als ich. Und meine Schwester und ich, wir hatten eigentlich immer das allerbeste Verhältnis und eine jüngere Schwester habe ich dann noch, die eineinhalb Jahre jünger ist. Wir drei. Mein Bruder war, hatte ein bischen Abstand von uns, wir waren die Kleinen. Wir waren die, die immer genervt haben. Wie das so üblich ist mit kleinen Geschwistern, und er war der ältere und dadurch war nicht ganz so dieses Verhältnis nich. Aber ich will mal sagen, wir verstehen uns jetzt noch ganz gut, aber wir haben insgesamt völlig andere Ansichten vom Leben und vom...Als dann praktisch..also das geht jetzt alles ein bisschen durcheinander bei mir..als dann praktisch die Mauer geöffnet wurde und wir fahren konnten, da sind wir, meine Schwester Ruth und ich, zu meinem Bruder nach Stuttgart gefahren. Ja...aber wir haben eben festgestellt, wir waren im Sozialismus, also wir waren im Sinne des Sozialismus erzogen worden und er ist im Kapitalismus groß geworden. Praktisch nicht, und hat dort seine Laufbahn sich aufgebaut und hat dem gemäß ganz andere Wertevorstellungen und und auch ganz andere politische Ansichten nicht, also wir kommen da nicht konform eigentlich. Ich meine wir telefonieren und schreiben uns Briefe, und harmonieren, aber einer muss den anderen akzeptieren. So ist es nich..hmm... 00:22:34-2

 

Interviewer: Ja und durch den zeitlichen Unterschied haben Sie vielleicht die Kindheit, die sie zusammen in Pyrene erlebt haben....trotzdem irgendwie seperat erlebt, da können Sie mit Ihrer Schwester vielleicht mehr teilen...Die Heimat.. 00:23:04-9

 

Frau Marsch: Ja, so ist das, ja.. 00:23:02-6

 

Interviewer: Und wie war das für Sie, Sie sind angekommen in Deutschland, und Sie haben erzählt, der Einstieg war schwer..war da immer noch ein Gefühl von ” Wo sind wir zugehörig?” 00:23:22-8

 

Frau Marsch: Ja so war es, das war ne ganze ganze Zeit lang.ja.hm.. 00:23:30-6

 

Interviewer: und können Sie sagen wann das dann eine andere Form angenommen hat? 00:23:29-9

 

Frau Marsch: Na eigentlich erst als ich meine Lehre begann, 1949 hab ich mit der Lehre begonnen und, ja eigentlich möcht ich sagen, in der Zeit, ich meine wir hatten ja nun praktisch, meine Eltern ja nun praktisch alles verloren. Und wir haben das so mitgekriegt, das wir Stück für Stück uns anschaffen mussten. Und als ich dann lernte, da habe ich im ersten Jahr 60 Ostmark verdient. Und als ich dann nach 3 Jahren ausgelernt hatte, habe ich dann 400 Ostmark verdient. Und das war natürlich viiiiel Geld schon für mich. Mein Vater hat 333 Mark bekommen im Konsum und ich als Ausgelernte habe 400 MArk verdient. Ich konnte meinen Eltern schönen neuen Schrank kaufen, die waren ja zu DDR Zeiten nicht sehr teuer. Ich glaube 600Mark hat da so ein Schrank gekostet. Den habe ich zusammengespart. So dass wir uns nach und nach 2 Zimmer in Babelsberg einrichten konnten, und da erst eigentlich Heimat hatten. Wobei meine Eltern immer noch an Hopfenbruch mehr hingen als an Babelsberg, meine Eltern glaube ich haben das nie verwunden, dass wir dort wegmussten. Für uns ist es dann nachher Heimat gewesen, aber ich kann mich erinnern, und leider sind meine Eltern nicht mehr in den Genuss gekommen, die waren vorher schon verstorben, 1980 beide. Die haben es nicht erlebt wie diese Wende kam und das sie praktisch ja, ik wes ooch nicht, die hätten nen Schock gekriegt, wenn sie nach Hopfenbruch noch mal gekommen wären und alles war weg nich. Vielleicht wars auch so gut.  00:25:57-0

 

Interviewer:  Und sie waren da?  00:25:57-7

 

Frau Marsch: Ja. Wir waren 2001 mit meinem Bruder aus Stuttgart und meine Schwester Ruth und ich. Wir sind hingefahren, ja, ja. Und ich glaube das hatte ich ja schon gesagt nicht, für mich war es ein Schock. Ich hab wochenlang hab ich geträumt, dass wir da hinkamen, unser schönes Haus stand nicht mehr, da war nur noch Wald...und...und das war ein regelrechter Schock.  00:26:34-6

 

Interviewer: Sie haben also als Sie 2001 wieder da waren, diese Erinnerung wieder erlebt.. wie das damals war, 1945 .. 00:26:40-7 

 

Frau Marsch: Ja..ja..ja..hmm.ja wir waren dann auch noch zur Warthe gefahren, wo ich praktisch schwimmen gelernt habe. Und diese Gegend ist ja ansich wunderschön, diese Warthelandschaft und wir waren auch noch nach Landsberg an der Warthe und in Landsberg an der Warthe ist meine Schwester ja aufs Gymnasium, oder auf die Mittelschule hat sie gesagt, so gegangen, und mein Bruder ja auch. Ich selber ja nicht. Ich bin ja bloß in Fichtwerder zur Schule gegangen, also meine Schwester und mein Bruder hatten noch viele Erinnerungen an Landsberg, das sich ja auch sehr verändert hat. Aber das ich nur so am Rande dann praktisch, nich..das hab ich nicht so mitgekriegt.  00:27:35-0

 

Kindheit

Interviewer: Und warum waren Sie nur in Fichtwerder in der Schule?  00:27:36-4

 

Frau Marsch: Weil ich, ich war ja noch zu klein. Ich bin ja bis zur 4. Klasse in Fichtwerder zur Schule gegangen. hm.... 00:27:52-5

 

Vertreibung

Interviewer: Sie hatten vorhin erwähnt, als Sie, als Sie dann losziehen mussten, als Sie vertrieben wurden. haben Sie sich gesammelt auf einem Platz.  00:28:02-4

 

Frau Marsch: Ja, in Fichtwerder...also das war ganz schrecklich. Wir hatten ja nur praktisch von unserem Haus und von unserer ganzen Wirtschaft nichts mehr, und zurückgekommen warn wir mit dem Planwagen, der war dann weg. Wir hatten nur das eigentlich was wir auf dem Leibe hatten und, als wir bei den Nachbarn untergekommen sind, haben wir uns einen Wagen geborgt. Wie es hieß, wir müssen packen, hatte Mutti von den Nachbarn noch einen Wagen geborgt, der schlecht fuhr, da klemmte nen Rad oder was. Und da haben wir dann nun unsere Betten uns so noch draufgepackt und dann mussten wir zu dem Platz und da standen wir ewig, das weiß ich noch, da standen wir ewig auf dem Platz und da kam die Miliz und hat noch einzelne Wagen noch kontrolliert. Und dann hieß es Abmarsch und dann sind wir da praktisch bis nach Vietz gelaufen, und vor Vietz war ein großer Wald, ich weiß noch, also hat Ruthchen auch erzählt, da hatte es gerade so schrecklich geregnet und da haben wir alle im Wald übernachtet. Also das vergisst man sein Leben nicht. Und wie wir dann an den Feldern vorbeizogen, also und uns da praktisch noch Mohrrüben noch rausgezogen haben und und und bloß um Essen zu haben ein bisschen nich. Ne also, das war schrecklich. Und keiner wollte uns haben. Keiner hat uns in sein Haus gelassen, niemand, wir haben in Waschküchen, in Scheunen übernachtet, und als Kind verdrängt man das dann ja. Bald, nicht. Aber meine Mutter ist dadurch völlig kaputt gegangen eigentlich, nich. tja... 00:30:21-7

 

Nachkriegszeit

Interviewer: Hatte Ihre Mutter Ihrem Vater mitgeholfen die Sachen nach Berlin zu bringen, also den Handel den sie früher hatten?  00:30:33-5

 

Frau Marsch: Meine Mutter hat im Ort verkauft. Aus der Ortschaft kamen die Leute auch, und haben bei uns Butter und Eier gekauft, aber Mutti ist nie mit eigentlich mitgefahren, sie hatte ja nun ihre 4 Kinder, die hat in der Wirtschaft gearbeitet nich, und das war dann für meine Mutter sehr bitter in der DDR. Mein Vater hatte meine Mutti nicht extra versichert, weil sie in seinem Betrieb mitgearbeitet hat und das war dann sehr bitter für meine Mutter, die keine Rente kriegte. In der DDR. Obwohl die DDR als erste die Grenze auch anerkannt haben, hat meine Mutter keine Rente gekriegt. Und mein Vater hat lange noch, der hat noch bis 75 gearbeitet beim Konsum, der hatte ja einen geringen Verdienst beim Konsum und als er dann aber Rente kriegte, da hat er dann für meine Mutti 30 Euro (versprochen) dazu gekriegt. Das war dann praktisch die Rente von meiner Mutter, also es war sehr wenig. Meine Eltern hatten dann in den ganzen Nachkriegsjahren sehr sehr wenig Geld. Sehr wenig Geld. Wir Geschwister haben uns dann zusammen getan, also Ruthchen und meine Schwester Rosemarie, meine jüngere und ich, wir haben jeden Monat 50 Mark, das waren 150 Mark, und dann hab ich mit meinem Bruder in Westdeutschland gesprochen, das wir meine Eltern unterstützen müssen und mein Bruder hat praktisch in Form von, ich weiß nicht, wie hat er das gemacht, ich glaube die haben sich dann Dinge im Intershop kaufen können. Also er hat auch 50 Westmark oder was gegeben, so dass meine Eltern nachher praktisch einigermaßen abgesichert waren. Sie hatten nie wieder Reichtümer waren aber trotzdem ganz genügsame Menschen, obwohl sie zu Hitlers Zeiten eigentlich reiche Leute waren nich. Meine Eltern waren nachher ganz genügsame Menschen und waren glücklich, das wir alle überlebt haben. Aus der Familie sind ja von Mutti, die Schwester hat 3 Kinder verloren im Krieg, und wir waren zum Glück alle am Leben geblieben. Also Krieg ist wirklich was ganz ganz schreckliches nich...tja.. 00:33:22-4

 

Interviewer: Und Ihre Verwandten, ein Teil war in Pyrene oder?  00:33:43-9

 

Frau Marsch:Ja, die Verwandten waren eigentlich alle, also nicht alle, es waren auch die Geschwister von meinem Vater. Die eine Schwester hat nach Landsberg geheiratet, die andere Schwester hat nach Küstrin geheiratet. Die Familien waren ja ziemlich groß. Mein Vater hatte 3 Brüder und 2 Schwestern. Ne 2 Brüder und 2 Schwestern, so. Und 2 Schwestern wie gesagt sind aus Pyrehne, haben sich verheiratet, eine nach Landsberg, eine nach Küstrin. Die beiden Brüder sind in Pyrehne geblieben, haben dort geheiratet und mein Vater ist eben nach Hopfenbruch gezogen, nich. Aber die Verwandtschaft war väterlichseits in Pyrehne. Und müttlerlichseits war die Verwandschaft auch bis auf eine Schwester von meiner Mutti, die nach FFO gezogen ist mit ihrem Mann, waren, lebten alle in Pyrehne. Also es ist alles aus Pyrehne gekommen nich.  00:35:04-6

 

 

Vertreibung

Interviewer: Wie war das, wo sind dann Ihre Verwandten hin? Sind Sie dann alle gemeinsam losgezogen?  00:35:14-7

 

Frau Marsch: Nein. Mein Vater mit uns und die Mutter meines Vaters mit der einen Schwägerin und deren drei Töchtern. Wir sind zusammen mit Planwagen haben wir diese Flucht nach Lanz an der Elbe angetreten. Und sind auch gemeinsam wieder zurück. Das war, meine Schwester hatte das erwähnt, das war die Familie, die den polnischen Arbeiter, den Stanislaus. Der praktisch bis zum Ende eigentlich gerne bei meiner Tante geblieben wäre und der Mutter. Aber dann haben sich die Wege, als wir zurückfuhren getrennt nich. Also in Küstrin ist er ja dann von den Russen woanders hingeschickt worden. Aber die waren dann in Phyrene und die Flucht nachher, die haben sie in Phyrene gemacht, wie Rösschen erzählt hat, ne und wir in Hopfenbruch. Wir waren ja nun in Hopfenbruch. Und wir sind praktisch alle woanders hin eigentlich verstreut worden. Die Familie mit der wir auf Flucht waren, erst nach Lanz an der Elbe, die sind in in Lüneburg gelandet, in Sühlbeck bei Lüneburg. Ja. der Onkel Ernst mit seinen 5 Töchtern, und das ist ja westlich nich. Und wir sind praktisch dann hier nach Babelsberg hier in den Osten gekommen. Rösschen mit ihrer Mutter auch nach Neurupin, auch in nen Ostteil. Mütterlicherseits ist die eine Schwester mit ihrem Mann, die die 3 Kinder verloren hat, die sind bei Bernau gelandet. Ja. So ist das mit der Verwandtschaft. Ja, und eine Familie, also das war von Mutti der eine Bruder, der ist im Krieg geblieben, und da musste die Schwägerin von meiner Mutter, also meine Tante Käthe, die ist Berlin gelandet, die sind aber vorher irgendwie mit so nem Transporter rausgekommen. Ich weiß es nicht. Die sind in Tempelhof gelandet. Da haben wir dann praktisch von Babelsberg aus, ich weiß nicht wie das nachher alles funktioniert hat, also wir haben alle wieder Kontakt aufgenommen, nich, alle miteinander, die Sühlbecker und und das wusste mein Bruder denn, dass die in Sühlbeck gelandet waren und und und in Bernau, Tante Anne- Marie und in Tempelhof, also es ist konfus irgendwie nich, wie sich eine ganze Verwandschaft plötzlich auflöst und verteilt sich über so ne ganze, ja war ja keine Republik, war ja geteilt nich, aber...hm...ja.. 00:39:07-7

 

 

Interviewer: Diese Erinnerung, die Sie haben an Pyrehne, an die Vertreibung und all das, in wie fern haben Sie das Ihren Kindern oder Enkelkindern weitergegeben?  00:39:21-4

 

Frau Marsch: Also das, da muss ich sagen, bisher sehr wenig, bisher sehr wenig. Man hat es dann doch verdrängt und wollte seine Kinder eigentlich nicht so damit belasten, nich. Und die Kinder sind in der DDR großgeworden, da war das ja auch nicht erwünscht. Es hieß ja nicht, wir sind Vertriebene, es hieß ja, also ich musste in meinem Lebenslauf konnte ich nicht reinschreiben, ich bin Flüchtling, ich musste reinschreiben ich bin Umsiedlerin. Ich bin umgesiedelt von, meine Eltern und ich wurden umgesiedelt und so weiter, nicht, dass wir eigentlich vertrieben wurden nich. Das war, diese Formulierung war in der DDR nicht erwünscht, und da hat man sich ja nach gerichtet, ist ja klar. Und meine Kinder sind in der DDR zur Schule gegangen. Die wurden damit eigentlich auch wenig konfrontiert. Da wurde ja sicher was anderes gelehrt in der Schule. Ist ja klar. Deutschland hat den Krieg angefangen und Deutschland musste überwiegend bezahlen nicht. Heute hören wir ja auch, und wissen ja nun auch wie die Polen bezahlen mussten.  00:40:55-5

 

Nachkriegszeit

Interviewer: Das war damals gar nicht so bekannt.  00:41:00-6

 

Frau Marsch: Nein. Ne, das war nicht bekannt.  00:41:06-0

 

Interviewer: Hatten Sie dann auch ein ganz anderes Bild damals von Polen erstmal?  00:41:16-5

 

Frau Marsch: Zuerst ja. Ja. Zuerst ja. Aber wann hatte ich, ich überlege wann sich das geändert hat eigentlich. Denn wir haben erst immer gedacht, naja, die Polen kommen dahin, die finden ja die schönen Häuser und alles vor und die Wirtschaften. In Wirklichkeit war es ja alles anders durch diese Kriegsgeschehnisse und praktisch, dass die Russen da erst gewütet haben doch auch nich. Muss man doch so sagen. Die haben ja gar nichts vorgefunden die Menschen. Ne also mit meinen Kindern habe ich wenig drüber gesprochen und es sind ja auch wunderschöne Filme verfilmt worden, über Flucht und Vertreibung, wie hieß denn der Film? Wege übers Land, ne? Und, ich weiß nicht meine Kinder haben nicht das große Interesse daran. Die sind jetzt mit sich beschäftigt, mit ihren Familien, damit ihre Lebensplanung praktisch aufzubauen. Und wer sich für interessiert hat, ist mein einer Enkel. Als ich meinen 70.Geburtstag hatte, da waren wir auch alle in einer großen Runde hier. Meine Geschwister und auch Rösschen, meine Kusine, und da hatte sich mein einer Enkel, der studiert jetzt an der Humboldt Universität Lehrer, der hat sich dann erkundigt, ach doch, er wollte was wissen. Aber inzwischen ist er so in seinem Studium mit Klausuren und pi pa po, das kann man ja verstehen, das ist ja nicht ein Spaziergang, das ist ja ganz schön stressig teilweise, inzwischen haben wir uns dann nicht mehr drüber unterhalten. Also meine Kinder haben wenig profitiert von meinen Erinnerungen und von meinen Erlebnissen. Das hat man versäum möcht ich fast sagen, nich. Eben das zu vermitteln, das hat man versäumt. Und darum ist es natürlich wunderschön, wenn man hört, dass sie sich mit dieser ganzen geschichltichen Entwicklung befassen. Also heißt es doch noch mal neu zu lernen und umzudenken und doch mal das Gespräch zu suchen nich. Man ja auch ne Verpflichtung. Tja, das regt mich dazu an, natürlich jetzt dieses Symposium praktisch nich. ....Auch selbst eigenartigerweise, jetzt im Alter, habe ich schon sehr sehr häufig daran gedacht, dass ich auch viel zu wenig meine Eltern gefragt habe. Dieses Thema war dann nachher, man hat es einfach weggeschoben. Die Eltern hat ja auch noch sehr sehr sehr viel mehr vermitteln können nich. ja. Naja, das ist zu spät, wenn sie tot sind, ist es zu spät.  00:45:31-1

 

Interviewer: Dachten Sie sie würden irgendwann zurückkehren?  00:45:41-2

 

Frau Marsch: Nein. Also ich persönlich nie. Aber ich glaube meine Eltern haben daran gedacht. Ich persönlich habe nie daran gedacht, denn mein Leben ist dann so in Babelsberg so verlaufen, ich habe ein Beruf gehabt, was hätte ich da anfangen können. Und vor allen Dingen eben, man wusste ja hier leben jetzt andere Menschen, die sich in diesen Jahren sich ja auch auch vielleicht was aufgebaut haben. Es würde ja kein Ende nehmen. Das wäre dann wieder eine Vertreibung. Das würde bedeuten wieder Menschen zu vertreiben, und ne, nein, also überhaupt gar nicht. Ich denke gerne an diese wunderschöne Landschaft zurück, aber meine Heimat ist hier. Hm...naja....ich weiß nicht ob ich ihnen so richtig Auskunft erteilen kann. Wie gesagt, wenn ich ein bischen Material vorher gehabt hätte, man hätte sich so schön drauf vorbereiten können.  00:47:26-2

 

Interviewer: Sind sie denn auch in irgendeinerweise im Bund der Vetriebenen tätig? 00:47:27-8

 

Frau Marsch: (Erster Teil nicht mitgeschnitten. Durch Pause verpasst. Aber keine relevanten Informationen). Aber inzwischen habe ich das weitergegeben alles, meine Zeitschriften, diese Zeitungen, ich hab bloß noch die letzte eigentlich da. Und dann sind dann andere Ortsschaften gewesen, die mich nicht so interessiert haben, aber ich bin dann immer die Namen durchgegangen, und hab immer so geguckt, ob ich da noch Bekannte finde, aber wie gesagt ich war ja erst elf Jahre dann in dieser Zeit, nich, ich hab längst nicht mehr soviel Erinnerung wie Rösschen. Rösschen hat ja ein Gedächtnis mit Daten und allem, naja, das hab ich nicht.  00:48:17-8

 

Interviewer: Und haben Sie noch Kontakt zu Klassenkameraden?  00:48:17-8

 

Frau Marsch: Nein, ach, doch! Ich hab noch ne Klassenkameradin, stimmt ja, stimmt ja, in Köpenick! (lacht) Mit der telefoniere ich immer. Stimmt, ich hab ja noch eine, die auch in Hopfenbruch gelebt hat.  00:48:38-8

 

Interviewer: Mit der sind sie zusammen vier Jahre lang in Fichtwerder zur Schule gegangen? 00:48:49-7

 

Frau Marsch: Zur Schule gegangen ja. hm. Tja, die könnte ich ja mal informieren, was ich hier mitgemacht habe und das könnte ich ihr mal erzählen.  00:49:02-8

 

Interviewer: Haben Sie sich denn dann aus den Augen verloren erstmal?  00:49:06-9

 

Frau Marsch: Ja. Ja. ja. Wir haben uns dann eigentlich erst wieder in Babelsberg gesehen. Sie hatte irgendwo die Adresse ausfindig gemacht. und hat uns dann mal besucht.  00:49:24-4

 

Interviewer: Wann war das ?  00:49:25-7

 

Frau Marsch: Och, wann war denn das? Ich glaube das war in der Zeit als ich noch gelernt habe, so nach 1949. 50/51 so ungefähr. Tja...naja, wie gesagt, das ist. Jeder hat dann seine Familie nich, und die Kontakte gehen dann auseinander. Ne und sie hat einen ganz anderen Lebensweg als ich beispielsweise. Also normalerweise verkehrn wir jetzt nur noch telefonisch miteinander nich. Wir haben uns auch seit Jahren nicht mehr besucht. Ihre Mutter, die ist im Frühjahr gestorben mit 97, ihre Mutter, Frau Zehber.  00:50:30-7

 

Interviewer: Ist sie denn in den Westen?  00:50:36-3

 

Frau Marsch: Nein. Die ist in Ostberlin, also in Köpenick. Ne sonst, ansich habe ich keine Verbindungen mehr zu Leuten aus Hopfenbruch oder Pyrehne. Hier Rösschen, die hat noch jede Menge. Die hatte ja noch versucht aus Pyrehne direkt Leute mitzukriegen, aber die wollten alle nicht, naja und die sind ja alle alt auch. Und daraufhin hatte sie mich angerufen, und gesagt also, wenn keiner mitkommt, fährt sie nicht, naja, hab ich gesagt, ich komm mit. Und dann haben wir meine Schwester verständigt und sie hat auch gesagt, sie hat auch Interesse, bloß wir wussten nicht....dass es so ein Symposium wird, das es so abläuft.....

 

© Všechna práva vycházejí z práv projektu: Polen, Deutsche und Ukrainer auf dem Erinnerungspfad erzwungener Migrationen