Helga Marsch

* unknown  

  • "1944 zeichnete sich ab, dass der Einmarsch in Russland und Polen rückwärtig war. Also bedeutete es, dass unsere Truppen zurückkamen. Es zeichnete sich ab, dass Hitler bald ausgespielt haben würde. Und mein Vater beschloss mit uns die Flucht anzutreten. Und zwar im Januar 1945. Im Januar 1945 packte mein Vater einen großen Planwagen mit allem Drum und Dran. Inzwischen waren schon viele Flüchltingstrupps bei uns vorbeigezogen, die alle nach Westen fuhren. Und so fuhren wir, meine Eltern, mit uns drei Mädchen, mein Bruder war im Krieg eingezogen worden, über Küstrin bis an die Elbe nach Lanz bei Lenzen. Das ist in der Gegend von Wittenberge an der Elbe. Bis dahin waren inzwischen die Amerikaner gekommen. Wir besaßen noch unser Pferd, das wir auf die Weiden der Elbwiesen getrieben hatten. Zwischendurch haben sich die Amerikaner dann den Spaß gemacht und haben mal rübergeschossen. Natürlich vorbei. Aber so war es: wir kamen nicht rüber und viele viele Soldaten kamen dort in Lanz an und wollten noch über die Grenze, über die Elbe zu den Amerikanern, weil die deutsche Propaganda so schrecklich war. Sie hatte ja solche Schreckensbotschaften über die Russen verbreitet, dass jeder mehr zu den Amerikanern, Engländern oder Franzosen wollte als in russische Gefangenschaft."

  • "Dann kam der Frieden und mein Vater hatte sich überlegt, dass wir wieder zurück in unsere Heimat fahren würden. Der treibende Keil bei dieser Geschichte war die Mutter von meinem Vater, die auch mit dabei war und die nach Hause wollte. Ihr Mann lag dort auf dem Friedhof und sie wollte auch in der Heimat sterben. Also sind wir dann wieder zurückgefahren und haben auf der Rückfahrt ganz viel erlebt. Dabei wurde uns dann der ganze Wagen ausgeräumt. Aber das waren alles die Russen, sie haben uns dann regelrecht ausgeplündert. Das bisschen, das wir noch hatten. Dann kamen wir im Frühjahr oder im Sommer schon in Hopfenbruch an. Und das schreckliche war, das wir zuvor ein wunderschönes Haus hatten und es war in unserer Abwesenheit abgebrannt worden. Es stand nichts mehr. Und dann sind wir bei Nachbarn in Hopfenbruch in einem Zimmer untergekommen und meine Mutti musste arbeiten und meine Schwester musste arbeiten. Aber meine kleine Schwester und ich haben als Kinder trotzdem gespielt."

  • "Dann kam die Meldung, dass diese Gebiete an Polen abgetreten werden, und wir alle wieder gehen müssen. Und da ging es natürlich auch ziemlich robust zu und niemand kümmerte sich darum, ob wir das wollten oder nicht. Da kam die polnische Miliz und hat gesagt: ´Ihr müsst in 10 Minuten raus!´. Unser Haus war weg, wir haben uns dann einen Handwagen geborgt und da haben wir das Nötigste, was wir also noch hatten, wieder raufgepackt. Und dann ging der Transport los. Über Wochen und Wochen sind wir unterwegs gewesen, zu Fuß bis Berlin. In Berlin hatte man uns nicht aufgenommen, dann sind wir nach Babelsberg gegangen. Und da hatte Papa Geschäftsfreunde, die zuvor bei ihm in Berlin eingkauft hatten. Und mein Vater hatte, bevor die ganze Geschichte losging, gesagt: ´Falls wir uns nicht wieder sehen, treffen wir uns in Babelsberg bei Familie Müller.´"

  • Full recordings
  • 1

    Trebnitz, 28.05.2011

    (audio)
    duration: 52:54
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Über Wochen, über Wochen sind wir unterwegs gewesen zu Fuß bis Berlin.

Helga Marsch
Helga Marsch
photo: Charlotte Stromberg

Frau Helga Marsch (geb. Pade) wurde am 7. Juli 1934 in Hopfenbruch, Kreis Landsberg an der Warthe geboren und verlebte dort ihre Kindheit bis 1944. Sie hat einen Bruder und 3 Schwestern und ihre Eltern betrieben einen Warenhandel in Berlin. Im Januar 1945 trat die Familie ihre erste Flucht an. Nach ihrer Rückkehr im Sommer 1945 mussten sie kurz darauf Hopfenbruch endgültig verlassen. In Babelsberg fasste die Familie nach langen Strapazen letztendlich Fuß. Frau Marsch begann 1949 eine Schriftsetzerlehre. Sie heiratete 1957 und zog mit ihrem Mann nach Berlin. Aus der Ehe gingen drei Söhne hervor, wovon der Jüngste verstarb. 1986 wurde jene Ehe geschieden. Derweil verbringt Frau Marsch ihre Lebenstage glücklich in Berlin.