Rainer Eppelmann

* 1943

  • „Das ist, wenn Sie wollen, das erste Ereignis gewesen, bei dem ich meine Fahne rausgehängt habe oder mein Gesicht gezeigt habe. Natürlich habe ich das mitgekriegt. Ich litt ja nun seit sieben Jahren inzwischen als Untertan. Mit einem anderen aufgenötigten Berufsweg, als der, den ich mir eigentlich gedacht hatte. Nun inzwischen auch noch im Knast gewesen. Wie die spätere Rehabilitierung gezeigt hat wegen Gewissensgrund eingesperrt. Also im wahrsten Sinne des Wortes kein Straftäter gewesen. All das hat meine Liebe zu der Gesellschaft und denen, die diese Gesellschaft repräsentierten, nicht vergrößert. Und jetzt geschah auf einmal - nicht in einer anderen Welt, sondern nur wenige hundert Kilometer entfernt - etwas, was mir und anderen Hoffnung machte. Vielleicht muss ja die sogenannte sozialistische deutsche demokratische Republik gar nicht so sein, wie sie jetzt ist. Sondern da gibt es ja auf einmal Reformation von oben. Und da war natürlich Hoffnung damit verbunden, dass dies, wenn nicht gleich, aber zumindest, wenn das Erfolg hat, dass das dann nicht nur die Tschechen und die Slowaken gut finden, sondern die Polen und die DDR-Bürger auch. Trotz der schlechten Erfahrungen, die wir mit dem 17. Juni 1953 mit einem Aufbegehren des Volkes gegen die Regierung hatten. Und dann bin ich mit einem Freund zusammen zur tschechischen Botschaft gegangen, dann als da sowjetische und andere Soldaten einmarschierten oder mit ihren Panzern einzogen und dann haben wir eine Solidaritätsbekundung in der tschechischen Botschaft selber formuliert. Und mein Freund hat seinen Namen daruntergesetzt und ich hatte – manchmal ein bisschen frech, aber auch hilfsbereit - habe nicht nur meinen Namen hingeschrieben, sondern auch gleich noch meine Adresse darunter, weil ich ihnen die Arbeit ein bisschen leichter machen wollte. Und vor der Tür stand ein Ordnungshüter der deutschen Volkspolizei, aber er ließ uns rein und hielt uns auch hinterher nicht fest, um von uns zu hören, was wir denn da drin gesucht hätten. Sondern ließ uns gehen. Und da habe ich auch nie wieder was gehört. Erstaunlicherweise. Ich habe auch später in dem Teil meiner Stasi-Akte dazu nie etwas gefunden, sodass ich mir auch vorstellen kann, dass das ein Büchlein war oder eine Liste war, die nicht in die Hand...in falsche Hände gekommen ist. Ich weiß nicht, ob sie das dann irgendwann vernichtet haben oder was sie damit gemacht haben, keine Ahnung. Weil ich auch weiß, dass sie auch andere Leute dafür belangt haben, also andere DDR-Bürger. Bei uns ist das jedenfalls nicht passiert. Und von daher kann ich also nur von dem ganz engen Kreis von Gemeinde sagen, dass wir über so etwas natürlich geredet haben. Einhellig positiv über das was 1968 von den Menschen in der Tschechoslowakei passierte. Es hat uns tief bewegt. Also jedenfalls mich hat Ungarn 1956 und Prag 1968 emotional viel mehr bewegt als das, was da in zum Beispiel West-Berlin passierte. Nicht als Internationalist, sondern weil ich den Eindruck hatte, das was da passierte 1956 oder 1968 hat mit deiner eigenen Lebenssituation viel mehr zu tun als das andere.“

  • „Ja, also damit fing es an, „operativer Vorgang Kreuz“, die erste Feststellung. Und dann kam eines Tages Holly. Lange Haare, Jeans, zerfranste Kutte, Bart, ein mir Unbekannter stand in der Wohnungstür in der Samaritergemeinde und fragte, ob ich einen Augenblick für ihn Zeit hätte, er würde gerne mit mir reden wollen, er sei auch Bausoldat gewesen und er wisse, dass ich auch Bausoldat war. Dann habe ich ihn reingebeten und er erzählte mir, dass er Musiker sei und dass er gerne Konzerte bei uns in der Kirche machen würde, ihn reizte offensichtlich die Größe dieses Raums erstens, und zweitens, dass er mit seiner Musik – er spielte so schwarzen Blues, wie sich nachher rausstellte – er bei den DDR-Diskos da gar keine Chancen gehabt hätte, da auftreten zu können. Und als er mir das erzählte hat er gesagt, ich will dafür gar kein Geld, und Sie können dann am Ausgang eine Kollekte für irgendeinen guten Zweck machen. Da hab ich gesagt: ja, das geht aber bei uns nicht. Bei uns gibt’s eine Konzert- und Gastspieldirektion, die ist dafür zuständig und Konzerte darf ich gar nicht organisieren. Aber wenn Sie sich vorstellen können, dass wir einen Gottesdienst miteinander machen können und dabei Ihre Musik mit einbinden, dann lassen Sie uns weiterreden, dann könnten wir überlegen. Und das haben wir dann auch gemacht und dann hab ich mir noch einen Kollegen aus der Nachbargemeinde dazu geholt, Hans-Otto Seidenschur, und dann haben wir einen Gottesdienst zusammen gemacht. Wir hatten vereinbart, wir suchen ein paar biblische Texte raus, formulieren eine kleine Ansprache, und ein Gebet und ein Segenswort und wir machen das in Blöcken und abwechselnd dazwischen kommt immer die Bluesmusik. Und er sagt, ja, Sie können das natürlich Ihrer Gemeinde bekanntgeben und wir sagen unseren Fans Bescheid, dann haben wir einen Termin ausgemacht und ich hab das meinen Kirchenleuten erzählt, und die haben gesagt, jaja, Gottesdienst ja klar. Und dann kam der Tag ran und wir beide, Hans-Otto und ich gingen runter in die Kirche und sahen 150 Leute. Bei einer normalen Gottesdienstzahl irgendwas zwischen 20 und 50, nur Heiligabend oder bei einer Konfirmation hatten wir deutlich mehr. Da bekamen wir natürlich glänzende Ohren, volle Kirche, oder sehr viel besser gefüllt. Allerdings, der zweite Blick: ach herrje. Die meisten standen noch, es ging ja vorne noch nicht los, sahen alle aus wie Holly, rauchten und hatten ne Rotweinpulle entweder irgendwo hier drinnen oder in der Hand. Wir beide guckten uns an, so nach dem Motto, au weia, auf was haben wir uns hier eingelassen, und sind dann aber freundlich auf die zu und haben gesagt, wir könnten jetzt langsam anfangen, und sie möchten sich bitte hinsetzen und die Zigaretten ausmachen und auch den Rotwein jetzt nicht hier drinnen trinken, könnte sie gerne hintereinander, aber jetzt hier nicht. Und das haben sie auch gemacht, und wir haben zum Glück sehr schnell begriffen, die wollten uns jetzt nicht provozieren oder ärgern, sondern die haben sich völlig normal verhalten, die waren noch nie in ner Kirche. Na kein Wunder bei einem entchristianisierten Land, und nun auf einmal da so viele. Naja, haben wir gesagt, machen wir sofort wieder, nächsten Termin ausgemacht, vier Wochen später oder so. Waren 300 da, nächstes Mal 600, 1.200 und so ging das immer weiter. Wir haben als das nachher 500, 600 waren, da haben wir mitgekriegt, also hier bloß mal so ne halbe Stunde, wir beide Heinz-Otto und ich überlegen uns, was wir für Texte nehmen, ansonsten nen paar Blöcke Musik dazwischen, das geht nicht mehr. Wir müssen ja denen ne Chance geben, die noch nie in ner Kirche waren, dass sie uns mit einem Stückchen Interesse zuhören und nicht uns brav erdulden, aber eigentlich wegen der Musik kommen. Und dann sind wir zum Glück auf den Gedanken gekommen, das war die Zeit Anfang, Mitte der siebziger Jahre begann die so genannte sozialdiakonische Jugendarbeit in unserer Kirche. Das heißt wir bildeten bewusst Leute aus, für Jugendliche, die nicht aus christlichen Familien kamen, die bloß auf der Straßen standen, offensichtlich mit sich und mit ihrer Zeit nicht soviel zu tun hatten, die standen ne Stunde später, die standen zwei Stunden später immer noch da, vielleicht inzwischen trinkend, Blödsinn machend, vielleicht im günstigsten Fall noch mal Fußball spielend oder so was. Also, wir merkten, Leute, die offensichtlich nicht mehr nur davon träumten, Freizeitgestaltung mit der Freien Deutschen Jugend zu machen. Und die haben wir angesprochen, Jugendliche von denen, ob sie uns nicht mit der Vorbereitung dieser Gottesdienste behilflich sein wollen. Und die fingen Feuer und Flamme. Bekamen auf einmal eine Aufgabe, die ihnen vorher keiner zutraute, sie wurden ja auch immer so ein bisschen wie Außenseiter behandelt. Und die haben dann den gesamten organisatorischen Teil übernommen. Und wir haben uns dann die Themen für diese Gottesdienste von den Jugendlichen nennen lassen. Wir haben die also gefragt, was reizt Euch denn, was ärgert Euch, wovor habt ihr Angst? Und dann fingen die unter uns, wir waren inzwischen sehr ungezwungen miteinander, nicht mehr zu flüstern an, sondern sie sagten das, was sie tatsächlich dachten, wovor sie Angst hatten. Und nachdem sie das erste Mal mitgekriegt haben, das was sie uns in vertrauter Runde gesagt haben, haben wir bei der nächsten Bluesmesse vor 2.000, oder 3.000 erzählt, dann ging wie ein Schrei der Befreiung, man brauchte bloß zuzuhören, wo die klatschten, wo die brüllten, wo die begeistert waren. Das war immer an den Stellen, wo endlich das ausgesprochen wurde, was – sag ich jetzt mal sehr salopp, holzschnittartig – alle dachten, aber sich keiner traute zu sagen. Denn wir haben uns dann natürlich gefragt, meine Güte, wo kommt denn dieser phänomenale Erfolg her? Nen bisschen damals war Blues richtig, zweitens das war für DDR-Verhältnisse so ein bisschen Abenteuer, ohne Geld in der Tasche von Erfurt nach Berlin zu trampen, warst den ganzen Tag unterwegs und dann konntest du mit dabei sein bei einer Sache, die es nur einmal in der ganzen DDR gab, Bluesmesse, gabs sonst nicht. Und dann, das alleine ist schon alles ne ganze Menge, aber dann kriegst du auch noch das gesagt, was du selber denkst, dich aber nicht traust, laut zu sagen. Das ist glaube ich letztlich das Hauptargument gewesen. Hatte inzwischen natürlich längst die Stasi voll mitbekommen, aus dem operativen Vorgang Kreuz wurde der operative Vorgang Blues bei der Stasi, mit dem dann immer größer werdenden Druck auf mich, dann auf die Superintendentin bei uns im Kirchenkreis, dann auf den Generalsuperintendenten in Berlin, und dann auf den Bischof und die Kirchenleitung, die Kirche müsse das verbieten, Gefahr für die Gefährdung des Verhältnisses von Staat und Kirche und so weiter.“

  • „Erste bewusste Erinnerungen habe ich viel, viel später. Das war in dem Jahr - hätte ich damals noch nicht so formulieren können, muss ich fairer Weise da zugeben - als ich vom Staatsbürger zum Untertan gemacht wurde. Das war um den 17. Juni 1953. Da kam nämlich mein Vater nach Hause und erzählte, dass die Werktätigen in der DDR als auch in Berlin, wo wir wohnten, streikten und auch auf der Straße standen. Er selbst hat nicht mitgestreikt, hat sich das aber aus einer für ihn offensichtlich sicheren Entfernung angeschaut und kam dann nach hause und erzählte, dass dann sowjetische Panzer auf diese unbewaffneten Streikenden geschossen hätten und auch welche verletzte worden sind und getötet worden sind. Und dann kann ich mich noch erinnern, ein oder zwei Tage später, fuhr durch die Pankower Maximilianstraße, wo wir wohnten, ein sowjetischer Panzer mit geöffneten Deckel und da schaute eben ein sowjetischer Soldat oder Offizier raus und auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf dem Balkon stand ein älteres Ehepaar und jubelte diesem Panzer und Panzersoldaten zu. Und ich nun als 10Jähriger fragte mich erstaunt, wie kann man Menschen oder Ungetümen zu jubeln, die auf Wehrlose geschossen haben. Heute weiß ich, dass das noch schlimmer war. Sie habe auf Leute geschossen haben, die ein in der Verfassung der DDR verbrieftes Recht in Anspruch genommen haben. Und deswegen meine bittere, aber ich meine realistische Bezeichnung: Aus gefühlten Staatsbürgern wurde bei denen, die nachdachten, Untertanen.“

  • „Zum Abschluss kann ich Ihnen vielleicht noch sagen, das Glück meiner Biographie und meines Lebens, was diesen historisch-politischen Bereich angeht, war, dass ich nicht nur ein leidender Mensch, ein überrascht-leidender Mensch am 13. August 1961 war, sondern auch ein aktiv handelnder und glücklicher Mensch am 9. November 1989. Ich war nicht bewusst Staatsbürger, aber nur bis zum 17. Juni 1053, dann wurde ich von denen, die uns das Paradies versprachen, zum Untertan gemacht. Am 13. August 1961 zum Leibeigenen, und nicht mal den durfte ich hinbewegen, wo ich wollte. Und dann wurden wir Flüsterer und irgendwann begriffen wir, Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass eine Sache gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht. Und ich kann sehr glücklich und sehr dankbar feststellen, es ist gut ausgegangen. Opfer ist für mich kein passendes Wort.“

  • „Ja, dann holten sie mich sofort. Ich verweigerte dann und - also verweigerte den Waffendienst - und wurde dann zu den Bausoldaten eingezogen. Die Gründe, die ich hatte, waren mehrere. Einmal - den habe ich ihnen nicht laut gesagt, aber das war ein wesentlicher Grund für mich - dass ich gesagt habe, ich verteidige kein Regime, das so gestaltet ist, wie dieses Regime. Das mich eingesperrt hat, das mir meinen Ausbildungsweg versperrt hat, das unsere Familie getrennt hat durch ihr politisches Tun. Die könnte ich nicht verteidigen. Außerdem und das war mein Hauptargument, eben das Religiöse, das ich auch hatte. Das ich gesagt habe, nee ich habe ja als Kind und Heranwachsender gelernt, es ist nicht die Sache des Menschen einem anderen Menschen sein Leben zu nehmen, zu töten. Und das Dritte hatte mit meiner Schulbildung was zu tun. Und nach meiner Erinnerung jetzt egal, ob im Osten oder Westen an dieser Stelle. Ich hatte mitbekommen, dass ganz normale Menschen in der Zeit von 1933 bis 1945 Schreckliches getan haben. Und wenn man sie danach befragte, warum sie das gemacht haben, haben sie gesagt, sie haben den Befehl dafür gekriegt. Und sie hatten gelobt, den Befehl zu befolgen. Grundsätzlich. Nicht jeden einzelnen, da sind sie ja gar nicht mehr gefragt worden. Aber grundsätzlich sind sie vereidigt worden zum Gehorsam. Und zwar zum unbedingten Gehorsam, was bedeutete, wer das verweigerte - und das hat es ja in tausenden von Fällen gegeben - ist standrechtlich erschossen worden bei den Nazis. In der Bundeswehr hat man interessanterweise aus dieser Erfahrung gelernt. Auch da galt und gilt bis heute das Prinzip des Gehorsams, aber mit der Einschränkung, wenn du ein Befehl bekommst, der gegen Menschenrechte und Menschenwürde geht, hast du nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, den zu verweigern. Und du musst eigentlich sogar noch denjenigen nennen, den, der dir den Befehl gegeben hat. Im konkreten Einzelfall kann das nicht ganz einfach sein, wenn man möglicherweise in einer Extremsituation ist oder seinem Vorgesetzten gegenüber sagt, nein, das mach ich nicht. Und das kann möglicherweise zu einer Gerichtsverhandlung kommen. Aber in der DDR galt der unbedingte Gehorsam. Und sollte – was aber eigentlich ja völlig unvorstellbar ist, dass in einer sozialistischen Armee ein Befehl gegen Menschenrechte und Menschenwürde gegeben werden - dann hätte man das Recht, sich hinterher zu beschweren. Da habe ich gesagt, angesichts von Auschwitz bin ich nicht bereit, ein solches Versprechen irgendeinem Menschen abzugeben, ich mache alles, was du sagst. Das hat dann dazu geführt, dass ich wegen mehrfacher Befehlsverweigerung für acht Monate ins Zuchthaus gekommen bin. Dass ich dann im damaligen Militärknast in Ueckermünde am Oderhaff abgesetzt habe. Da ist das ein Erweiterungsbau eines Zivilknastes gewesen, weil man noch nicht so darauf eingerichtet war, dass es also auch innerhalb der Armee zu Straftätern kommen kann. Nachher ist ja das große Militärgefängnis in Schwedt gebaut worden. Das habe ich nicht kennengelernt. Ja, nachdem diese acht Monate Zuchthaus vorbei waren, wurde ich da vom Knast sofort wieder abgeholt, zu meiner Einheit zurückgebracht durch einen Unteroffizier und habe da dann die anderthalb Jahre Bausoldatendienst ohne nochmalige Gelöbnisannahme abgeleistet.“

  • Full recordings
  • 1

    Berlin, 07.07.2014

    (audio)
    duration: 02:24:52
    media recorded in project Stories of 20th Century
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Wir müssen mit dem Flüstern aufhören und es laut sagen.

Eppelmann / Initiative "Demokratischer Aufbruch"
Eppelmann / Initiative "Demokratischer Aufbruch"
photo: Archiv Bundesstiftung Aufarbeitung, Fotobestand Klaus Mehner , Bild 89_1216_POL_GPT_DA_01

Rainer Eppelmann wurde 1943 in Berlin-Pankow geboren. Sein Vater war Zimmermann, die Mutter Schneiderin. Eppelmanns Eltern standen dem DDR-Regime kritisch gegenüber und erzogen ihre Kinder im christlichen Glauben. Eppelmann war weder bei den Pionieren, noch bei der FDJ. Er empfing nicht die staatliche Jugendweihe, sondern wurde protestantisch konfirmiert. Nach der mittleren Reife wurde Eppelmann trotz guter Zeugnisse der Besuch der Oberschule verwehrt. Das war zum einen darauf zurückzuführen, dass er nicht Mitglied der kommunistischen Jugendorganisationen war. Darüber hinaus galt sein Vater als „Grenzgewinnler”, weil er in der DDR lebte, aber in  West-Berlin arbeitete. Eppelmann und seine Schwester konnten das Johannes-Kepler-Gymnasium in Neukölln besuchen, eine der beiden Schulen, die in West-Berlin für Schüler aus Ost-Berlin eingerichtet worden war. Der Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 bedeutete das Ende seiner Schulausbildung. Eppelmann besuchte damals die 11. Klasse und konnte sein Abitur nicht mehr ablegen. Damit zerschlugen sich auch seine Pläne für ein Architekturstudium. Nach dem Mauerbau blieb der Vater im Westen, nach einiger Zeit zog die Mutter mit den beiden jüngeren Geschwistern im Rahmen der Familienzusammenführung nach. Eppelmann selbst blieb in Ost-Berlin und arbeitete als Dachdecker-Hilfsarbeiter. Nach einem Jahr wurde ihm eine Ausbildung als Maurer und Putzer angeboten, die er von 1962 bis 1965 absolvierte. Nach seiner Gesellenprüfung bewarb er sich an der Fachschule für Bauwesen. Bald nach dem Beginn des Studiums merkte er jedoch, dass er in diesem System nicht mehr zu Recht kam, wurde mehrmals krank und brach schließlich das Studium ab. Nach dem Abbruch seines Studiums arbeitete Eppelmann wieder als Maurer. 1966 wurde er als Bausoldat zur Nationalen Volksarmee eingezogen, nachdem er  den Dienst an der Waffe aus religiösen Gründen verweigert hatte. Während seiner Dienstzeit wurde Eppelmann wegen mehrfacher Befehlsverweigerung zu acht Monaten Zuchthaus verurteilt. Zum ersten Mal machte Eppelmann seine oppositionelle Haltung öffentlich, als er nach der Niederschlagung des Prager Frühlings in der tschechoslowakischen Botschaft eine Solidaritätsbekundung unterzeichnete. Nach seiner Zeit als Bausoldat entschied sich Eppelmann 1969 für ein Theologiestudium an der Fachschule Paulinum. Nach dem Ende seines Studiums 1975 wurde er zunächst Hilfsprediger, dann Gemeindepfarrer in der Ost-Berliner Samaritergemeinde und Kreisjugendpfarrer für den Kirchenkreis Berlin-Friedrichshain. Gemeinsam mit dem Bluesmusiker Günter Holly Holwas organisierte Eppelmann ab 1979 die so genannten Bluesmessen, die Gottesdienste mit Konzerten und Kritik am SED-Regime verbanden. Die Veranstaltungen zogen bald hunderte Jugendliche an, die bis dahin nicht mit der Kirche in Berührung gekommen waren und wurden zu einer Plattform für Andersdenkende. Zu den Bluesmessen kamen schließlich 8.000 bis 9.000 Jugendliche aus der ganzen DDR, was die Aufmerksamkeit der Staatssicherheit weckte. Diese übte auf Eppelmann und auf die Kirchenleitung erheblichen Druck aus. Dennoch fanden die Bluesmessen bis 1986 statt. Gemeinsam mit dem kommunistischen Dissidenten Robert Havemann verfasste Eppelmann 1982 den Berliner Appell „Frieden schaffen ohne Waffen”, der zur Abrüstung in Ost und West aufrief. Eppelmann wurde daraufhin verhaftet, doch durch das Bemühen der Kirche sowie öffentlichen Druck aus der Bundesrepublik nach drei Tagen freigelassen. Eppelmanns Samaritergemeinde war seit Ende der siebziger Jahre zu einem Zentrum der Friedensbewegung geworden. Nach einem ersten Versuch bei den Wahlen zur Volkskammer 1986 gelang es auf Initiative der Gemeinde, bei den Kommunalwahlen 1989 in mehreren Berliner Bezirken Wahlfälschungen nachzuweisen. Im Herbst 1989 war Eppelmann Gründungsmitglied und später Vorsitzender der oppositionellen Gruppierung „Demokratischer Aufbruch”, die im Dezember 1989 als politische Partei zugelassen wurde. Den Fall der Mauer erlebte Eppelmann unmittelbar am Grenzübergang Bornholmer Straße, der am Abend des 9. November 1989 als erster Grenzübergang in Berlin friedlich geöffnet wurde. Eppelmann wurde Mitglied des Runden Tisches und Minister ohne Geschäftsbereich im Kabinett von Hans Modrow von November 1989 bis März 1990. Im Kabinett  von Lothar de Maizière wurde er schließlich Minister für Abrüstung und Verteidigung. Von 1990 bis 2005 saß Eppelmann für die CDU im Deutschen Bundestag. Seit der Gründung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur 1998 ist er deren ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender.